BAUWATCH Impressum Kontakt Sitemap koelnarchitektur.de

Kontor 19

Das Gebäude zwischen Hafenamt und Bayenturm wirkt ganz durch seine Hülle: Ein metallisches Gitternetz, von schimmernden Lichtfeldern durchbrochen, umzieht den Baukörper. Der warme Edelmetallton der Paneele und das ebene Profil der Außenhaut geben dem Bürobau ein erlesenes, zeitloses Erscheinungsbild.


Verwaltung & Büro

Kontor 19


Anna-Schneider-Steig 8-10
50678 Köln
Innenstadt

Der Name des Gebäudes vereint Althergebrachtes mit der Jetztzeit, Klassisches mit dem Modernen. Ein Kontor ist ein kaufmännisches Büro aus der Zeit von Münzgeschäften und Warenlagern, die Nummer 19 wurde aus der Nummerierung der Rheinauhafenbaufelder übernommen. Schon die Namensgebung trägt dazu bei, die Gebäudehülle nicht nur als Funktions-, sondern auch als Bildträger zu sehen. In der Außenansicht wird das Gebäude als Kostbarkeit präsentiert, aber nicht ostentativ, sondern dezent und zurückhaltend. Die hochwertige Materialität, die an den Glanz alter Geldstücke erinnern mag, und die belebenden Kontraste zwischen den Licht- und Metallflächen bilden eine Art modernen goldenen Schrein, der von innen zu leuchten scheint. Die filigrane Rasterstruktur mit ihren geraden, klaren Linien und rechten Winkeln wird durch unterschiedliche, fein austarierte Kombinationen von Fassadenelemente und ein organisch inspiriertes Endlosmuster auf den Metallpaneelen aufgelockert. Besonders kennzeichnend für die Fassade ist ihre Flächenhaftigkeit, sie ist nicht plastisch durchgliedert, sondern völlig glatt und eben. Die abschottende doppelschalige Glasfassade, mit der andere Bürobauten sich umgeben, ist vermieden zugunsten einer engeren Verbindung vom Außen- und Innenraum.

Vergleichendes Sehen verdeutlicht einmal mehr die Besonderheit der Außenhülle von Kontor 19. Ein Blick zum Nachbarn, dem mittelalterlichen Bayenturm, zeigt als Außenschicht eine massive, „dickfleischige“ Wand, aus der die Öffnungen tief herausgeschält sind. Das Bürogebäude von Gatermann + Schossig hingegen scheint gar keine Außenmauern mehr zu brauchen. Ein dünner Film umgibt den schlichten, blockhaften Baukörper, es scheint, als bestünde das Gebäude nur aus „Haut und Knochen.“ Die Gebäudehülle ist komplett flächenbündig. Außen liegender Sonnenschutz würde störend wirken, die Räume haben daher innen angebrachte Tageslichtjalousien. Auch wurde mit extrem schmalen Fugen von nur 1,5 cm Breite gearbeitet. Die einzelnen Elemente der Außenhaut verschmelzen so zu einem einheitlichen Körper. Einzig die Lüftungsklappen durchstoßen – wenn sie denn geöffnet sind – die streng geschlossene, plane Gebäudehülle.

Besondere Lebendigkeit und Feinsinnigkeit der Gestaltung liegt in dem Wechsel von geschlossenen Aluminiumpaneelen und offenen Glasfeldern. Dem Grundriss zugrunde liegt ein 1,35 m breites Fassadenelement aus zwei Dritteln Fenster- und einem Drittel Metallfläche. Innerhalb des vorgegebenen Rasters entwickelt sich ein unaufdringlich spielerischer Charakter durch fein austarierte, unterschiedliche Kombinationen dieser Elemente: mal wenden sich die Fensterseiten der Paneele einander zu, mal die metallenen, oder je eine Fensterseite ist mit einer Metallseite kombiniert. Zusätzliche Variationen entstehen durch die Zuordnung der im oberen Viertel der Fenster angesetzten Klappöffnungen.

Sowohl die Glas- als auch die Metallteile verändern ihr Aussehen je nach Tageszeit, Wetter und Blickwinkel. Die Glasflächen werden durchsichtig oder sie spiegeln ihre Umgebung. Die Farben der Aluminiumpaneele reichen von nachgedunkeltem Silber unter bedecktem Himmel über Messingfarben bei heiterem Wetter bis leuchtend Gold in der Abendsonne. Eine glänzende Materialschicht hebt sich reliefartig vom matten Grund ab, so dass je nach Lichteinfall die Oberfläche fast einheitlich erscheint oder ihr Muster deutlich akzentuiert hervortritt. Das richtungslose Endlosmuster trägt noch mehr dazu bei, das Gebäude wie aus einem Guss wirken zu lassen. Mit der Inspiration an organischen Formen – es erinnert an Eisblumen auf Fensterscheiben – bildet es einen spannungsreichen Kontrast zu der geordneten, gradlinigen Rasterstruktur des Gebäudes. Entworfen hat das Muster der neuseeländische Architekt und Designer Pete Bossley.

Diese besondere Gestaltung der Aluminiumpaneele wird durch ein patentiertes Ätz- und Eloxierverfahren erzielt, das zum Zeitpunkt der Bauausführung nur durch eine neuseeländische Firma aus Auckland angewandt werden konnte. Die oberste Metallschicht wird härter und dicker (3 mm) und somit korrosionsbeständiger. Anschließend wird das Material säurenachbehandelt. Das Verfahren erlaubt vielfältige Farb- und Musterkombinationen. Die eigens angefertigte Musterfassade überzeugte den Bauherrn trotz höherer Kosten und riskanterer Lieferfristen.
Die flexibel aufteilbaren Innenräume sollten frei von störenden Installationen bleiben. Folglich muss die Gebäudehülle auch wesentliche technische Aufgaben übernehmen. Die von Gatermann + Schossig entwickelte Integralfassade besteht aus vorfabrizierten Elementen für die Lüftung, die Temperaturregelung und den Sicht- und Schallschutz. Retrolamellen dienen nicht nur als Sonnen- und Blendschutz, sondern ermöglichen gleichzeitig eine gute Ausleuchtung der tiefen Innenräume mit diffusem Tageslicht.

Obere Klappfenster in jedem zweiten und untere Lüftungsklappen in jedem einzelnen Fassadenelement sorgen für Frischluftzufuhr. Die Bodenklappen können durch unsichtbar integrierte Elektromotoren über eine zentrale Steuerung geöffnet werden. Die Zuluft strömt über ein Bodengitter in den Raum. Wasserführende Kunststoffrohre im Betonkern dienen zur Bauteilkühlung, die nötige Kälte wird durch einen Brunnen gewonnen. Mit diesem Verfahren wird viel weniger Energie benötigt als mit herkömmlichen Klimaanlagen.

Eine offene Grundrissstruktur und die enge Abfolge von offenen und geschlossenen Flächen der Fassade gewährleisten Unterteilungen vom Großraumbüro bis zum Einzelbüro. Die Räume haben entsprechend den Fassadenelementen ein Ausbauraster von 1,35 m Breite. Zwei- oder dreiachsige Einzelbüros wirken hier viel großzügiger, als das bei herkömmlichen Räumen mit Brüstung und Fensterband der Fall ist. Diese Wirkung verdankt sich der nahezu bodentiefen Fensterverglasung.

Modernes Bindeglied

Das von historischen Gebäuden eingerahmte Kontor 19 liegt auf einem Baufeld westlich der Hafenmagistrale, das durch die einerseits linear angelegte Hafenstruktur des 19. Jh. und die andererseits in Krümmung der Stadtkante verlaufende Rheinuferstraße eine Trapezform aufweist. Bebaut wurde jedoch nur ein 15,70 m tiefer, rechteckiger Streifen parallel zur Magistrale im direkten Anschluss an das Krafthaus, wohingegen das an den historischen Lokschuppen – heute Bestandteil des Hafenamtes – grenzende Terrain in die Außenanlagen integriert wurde.

Das im Bebauungsplan vorgesehene umlaufende Staffelgeschoss wurde in modifizierter Form umgesetzt: Im nördlichen Teil ragt der Baukörper mit seinem gesamten Volumen über sechs Geschosse auf, doch nach Süden hin wird im obersten Geschoß die Gebäudeflucht radikal bis zur Kernzone hin zurückgenommen – eine respektvolle Geste gegenüber dem benachbarten Bayenturm. Der verbleibende Dachaufbau ist komplett als Ganzglasfassade ausgeführt. Als Ausgleich zu diesem gläsernen, exponierten Bauteil ist das südliche Drittel des Erdgeschosses – das ansonsten eine transparente Glasfassade aufweist – mit dem Wechsel aus Fenster- und Aluminiumpaneelen geschlossener gestaltet.

Mit der strikten Flächenbündigkeit der Fassade und ihrem leicht und heiter wirkenden hohen Glasanteil ist das Kontor 19 ein unaufdringlich präsentiertes und doch höchst eigenständiges modernes Bindeglied zwischen den historischen Gebäuden im Mittelteil des Rheinauhafens. Seine wertigen, warmen Metallnuancen stellen eine neutralisierende Verbindung her zwischen den Farbtönen von Krafthaus, Lokschuppen, Hafenamt und Bayenturm. Mit ruhiger, klassischer Geste nimmt der Bürobau seinen Standort ein und füllt ihn selbstverständlich aus. Er übertrumpft nicht seine Nachbarn und lässt sich nicht übertrumpfen. Es wirkt, als sei er schon immer da gewesen.

Ira Scheibe
Januar 2011


Aus: „Köln – seine Bauten. Der Rheinauhafen“, hrsg. v. AIV Köln Bonn, Köln 2011
Mit freundlicher Genehmigung des J. P. Bachem Verlags

Zurück