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Dominium

Blick auf die Nord-Ost-Ecke des Dominiums. Am rechten Bildrand der integrierte Altbau der ehemaligen Commerzbank. Stadträumlich gelingt Kollhoff hier die Reperatur eines Stückes der City, formalarchitektonisch ist die konservative Architektur mit den Werksteinfassaden, Gesimsen, Rundbögenfenstern und Gauben jedoch ein Streitfall.


Verwaltung & Büro / Stadt & Raum

Dominium


Komödienstraße, Tunisstraße, Unter Sachsenhausen
50667 Köln
Innenstadt

Als 2004 der Wettbewerb entschieden wurde schien die Sachlage klar: Der renommierte Berliner Architekt und ETH-Lehrer Hans Kollhoff schlug für das Baufeld an der Tunisstraße eine Bebauung vor, die eine gewachsene städtische Kleinteiligkeit suggerierte und die unter Denkmalschutz stehenden Bestandsteile auf dem Grundstück integrierte. Insgesamt sollten so Räumlichkeiten für 45 Einheiten entstehen. An der Ecke Komödienstraße und Tunisstraße wurde der bestehende Nachkriegsbau bis auf die neogotische Fassade des Architekten August Lange abgebrochen, am entgegen gesetzten nördlichen Ende des Areals Unter Sachsenhausen der Bau der ehemaligen Commerzbank – ebenfalls ein Baudenkmal – erhalten. Beide sollten als maßstabs- und formgebende Elemente den Entwurf maßgeblich prägen.

Ein kritisches Gelände. Umbraust vom Verkehr und nur wenig befriedigend an die Stadt angebunden, die Umgebung dazu von großformatiger Architektur geprägt, die wenig mit der für die Innenstadt typischen Kleinteiligkeit zu tun hat. Den Ausgangspunkt der Planungen legte also Kollhoff, erst später - für die Konfiguration des Inneren - wurde das Kölner Büro Gatermann + Schossig hinzugezogen.

Wo das Œuvre von Hans Kollhoff (und seiner Partnerin Helga Timmermann) zu Beginn des Schaffens Bauten von erstaunlich formaler wie räumlicher Qualität zeigt, die ein Weiterdenken der Moderne im Geist des jeweiligen Ortes zu sein scheinen, änderte sich das im Laufe der Zeit. Die Rigidität die Bauten wie dem Wohnhaus am Berliner Luisenplatz (1983-87) oder dem vielgerühmten Wohnblock auf dem Amsterdamer KNSM-Eiland (1991-94) geht den späteren Projekten ab. Kollhoff sucht mit einer erhöhten Plastizität der Fassaden nach Reizen, die modernen, glatten Fassaden in seinen Augen abgehen. Das Spiel der Formen im Licht, wie der stets bemühte Le Corbusier einst geschrieben hatte, ist es, was Kollhoff dazu bringt Vor- und Rücksprünge, Pfeiler, Säulen, Gesimse und Arkaden in das Repertoire aufzunehmen.

Im Laufe der Zeit sammelt er sich dafür Anhaltspunkte aus der Baugeschichte und reliefiert die Fassaden seiner Gebäude nach und nach immer stärker. Auf dass das Licht auf ihnen Licht- und Schattenspiele erzeuge, die flächenbündigen Fassaden abgehen. So auch für das Kölner Dominium-Projekt.

Man muss Kollhoffs Architektur vor diesem Hintergrund betrachten, um sie einordnen zu können. Zudem wird an den Bauten Kollhoffs, die etwa ab Mitte der Neunziger Jahre und um die Jahrhundertwende vor allem in Berlin entstehen, deutlich wie sehr man Architektur auf unterschiedlichen Ebenen betrachten und bewerten kann.

Stadtbaulich nämlich ist das Kölner Dominium ein gutes Stück Architektur. Es nimmt umliegende Trauf- und Giebelkanten auf - auch wenn es es bei dieser Aufnahme wiederum nicht so genau nimmt - fügt sich in der Materialität in den Ort ein und verzichtet auf die große Geste. Stattdessen werden mehrere kleinere Gebäude so gefügt, dass sich der Block schließt und die Tunisstraße – Teil der sogenannten Nord-Süd-Fahrt und damit eine der Hauptschlagadern des kölschen Verkehrs – eine adäquate Fassung bekommt. Sein bei Ungers, Rossi und den Rationalisten geschultes Gespür für die Idee einer europäischen Stadt kommt hier – wie auch bei anderen Projekten – zum Tragen.

Formalarchitektonisch ist das Ergebnis dann jedoch mindestens streitbar. Für viele ist Kollhoff und seine Bauten der Inbegriff des „Steinernen Berlins“, einer rückwärtsgewandten Architektur, die das Vorgestern sucht, die Moderne als gescheitert ansieht und deren Gipfel die schlossartigen Auswüchse in Berlin, Potsdam oder Braunschweig sind. Aber das führt in die Irre und wird Kollhoff aus den genannten Gründen nicht gerecht. Im Fall des Dominiums werden auf dem – relativ gesehen – schmalen Teilstück der Tunisstraße, das der Bau nun säumt, mit der Unterteilung des gesamten Baukörpers in vier sieben- und zehnstöckige Baukörper stadträumlich genau die richtige Entscheidung getroffen. So wird der Straße ihr extremer Sog genommen und ein Gefühl von gewachsener Urbanität erzeugt – wenn auch in realita kaum etwas hier wirklich gewachsen ist.

Unterschiedliche Gestaltungsprinzipien

Aber auch die ursprünglich durch den Projektentwickler anvisierte Zahl von 45 voneinander abtrennbaren Einheiten innerhalb des Gebäudes rechtfertigt die formale Diversifizierung. Vor allem von Norden kommend ergibt sich nun ein angenehmer baulicher Auftakt von zunächst sieben, dann zehn, wieder sieben und erneut zehn Geschossen, die auf den groben Riegel des WDR-Gebäudess vorbereiten, der die Nord-Süd-Fahrt jenseits der Komödienstraße quert.

Erst im Laufe des Bauprozesses wird der Hochtief Projektentwicklung das Angebot von Generali, dem heutigen Besitzer des Gebäudes, unterbreitet, den gesamten Komplex zu erwerben und selbst zu nutzen. Mit dem Umzug des Immobilien- und Holding-Unternehmens aus Aachen nach Köln wurde das ursprüngliche und für den Entwurf mit entscheidende Kriterium der vielen Büroeinheiten innerhalb des Baus obsolet. Das Gebäude, bereits bis in den Rohbauzustand fortgeschritten, wurde von den Projektentwicklern erneut ausgeschrieben, dieses Mal für den auf einen Nutzer zugeschnittenen Innenausbau. Das Äußere des Baus nach den Plänen von Hans Kollhoff blieb davon unangetastet. Den Zuschlag erhielt das Kölner Büro Gatermann + Schossig.

Dörte Gatermann und ihr Projektleiter Holger Thor setzten bei ihrem Entwurf für das Innere auf einen klaren Kontrast zu der Vorgabe die durch das Äußere gemacht wurde. Wo durch Kollhoff eine räumlich relativ enge Szenerie für das Innere vorgesehen war – was sich auch an den Fensterformaten der Fassade ablesen lässt, setzten die Kölner auf fließende Räume und weitestgehende Transparenz. Die durch Kollhoffs Entwurf ebenfalls vorgegebene Struktur mit ihren drei Höfen im Blockinneren machten sie sich zu Nutze um eine räumliche Verbindung zwischen allen Gebäudeteilen zu schaffen. In der Horizontalen sind es nun diese drei Höfe, die das Innere des Gebäudes homogenisieren. Ihnen sind unterschiedliche Widmungen eingeschrieben: Von Norden der Skulpturenhof, der Naturhof und der Lichthof. Letzterer ist gedeckt ausgeführt und wird so zur großzügigen Halle und zum Entree des Hauses.
 Auch einen Großteil der Möbel konnten die Planer um Dörte Gatermann entwerfen und für den Nutzer realisieren. So entsteht im Inneren ein homogenes Ganzes. In Farbe und Material sind die Entwürfe dem Logo von Generali angeglichen. Rot- und Brauntöne kommen zum Einsatz was edel wirkt, den Ansprüchen des Unternehmens so gerecht wird und zudem eine Corporate Identity schafft. Edelstahl und Glas auf der einen Seite und Dielen aus Räuchereiche sowie fest eingebaute Möbel aus Eiche und Nussbaumfunier auf der anderen vermitteln zudem zwischen einer modernen gestalterischen Auffassung, den Ambitionen der Generali und den Parametern, die durch Hans Kollhoff geschaffen wurden. Mit einem Hauch Ironie sind die roten Glasvorsatzschalen der vertikalen Erschließungselemente mit dem Motiv von gestocktem Naturstein bedruckt – ein Augenzwinkern gen Berlin. Diese roten Türme sind neben den Höfen das zweite zentrale Motiv der Gliederung des Innenraums.

Auf faszinierende Art und Weise ist so ein Gebäude voller Widersprüche entstanden. Zur Stadt hin wirkt es wie der Zusammenschluss mehrerer Häuser obwohl es im Inneren doch nur ein Gebäude ist. Nach außen konservativ, die umgebenden Baudenkmäler wie Spolien in sich aufnehmend, im Inneren wie ein Bau im Geiste der Moderne. Wo das Äußere mit seinen stehenden und zum Teil von Rundbögen abgeschlossenen Fenstern schachtelartige konventionelle Räume vermuten lässt, finden sich innen fließende Räume voller Übergänge. Außen Naturstein und Messinganmutung, Innen Glas und Edelstahl. Ist das überhaupt noch ein Gebäude? Am ehesten versteht man das Dominium wohl als ein Teil ‚Stadt’. Ein räumliches Kontinuum voller Brüche, Widersprüche, Ecken und Kanten. Das Dominium ist all das. Das macht es so reizvoll. Stadtbaulich ein konsequenter Eingriff, formalarchitektonisch jedoch fraglich und streitbar. Im Inneren konsequent modern und damit konsequent anders als die Gebäudehülle und der Rohbau – und damit ebenso streitbar. Denn wieso muss das Innere derart anders daherkommen als das Äußere? Vielleicht, damit dem Besucher all die Brüche, die den Kosmos Stadt ausmachen vor Augen geführt werden. Mit seinen intarsienartigen Altbauelementen ist das Dominium ein Stück ‚Stadt’, wo nur weniges auf ‚Stadt’ hinweist und wird somit gleichsam zu einer Stadtspolie im zergliederten Raum der Öffentlichkeit.

David Kasparek
August 2010

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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 097
Baujahr2005-2009
EigentümerAMB Generali
BauherrHTP HochTief Projektentwicklung
ArchitektProf. Hans Kollhoff Architekten (Fassade, Rohbau, Altbau)
ArchitektGatermann + Schossig (Innenausbau)
Fotos vonJens Willebrand