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OGTS Buschfeldstraße

Mit dynamischer Form über trapezförmigem Grundriss, verläuft der zweigeschossige, orange-rot lasierte Erweiterungsbau der Bertold-Otto Grundschule im Kölner Stadtteil Holweide parallel zur Straße.


Forschung & Bildung

OGTS Buschfeldstraße


Buschfeldstraße 46
51067 Köln
Holweide

Entlang der Bergisch-Gladbacher-Straße im Kölner Stadtteil Holweide diffundiert die Bebauung in einem Gemisch aus vorstädtischer Zeilenbauweise und quasiländlicher Punktbebauung, hier und da finden sich Ansätze eines städtischen Blockrandes. Im Norden schließt die Buschfeldstraße an, die im Wesentlichen vom kleinen Maßstab der Wohnbauten geprägt wird. Einzig die Evangelische Versöhnungskirche und die von der Straßenflucht zurückgenommene Anlage der Berthold-Otto Grundschule vergrößern den Maßstab und weisen damit auf ihre kollektive Funktion hin.

„Ortstypisches“ wäre an dieser Stelle kaum zu finden; zu stark sind die Wohnhäuser von vermeintlichen Individualismen geprägt. Als Charakteristikum ließe sich allenfalls deren Deckung mit geneigten Dächern destillieren, doch selbst hier findet ein munterer Wechsel von Trauf- und Giebelständigkeit statt. An diesem diffusen Ort setzt der Neubau der Offenen Ganztagsschule (OGTS) aus der Feder des Kölner Büros Schilling Architekten ein markantes Zeichen, das den Ort der Schule selbstbewusst im Straßenraum adressiert. Und obwohl dieser Bau einer selbstreferentiellen Ordnung folgt, vermittelt er zwischen dem Altbau der Schule im Norden und dem Turm der Versöhnungskirche im Süden, der selbst wiederum Zeichen des Außergewöhnlichen ist.

Zunächst sollten die Räume der OGTS im Altbau untergebracht werden, der dazu hätte revitalisiert und erweitert werden sollen, doch erwies sich diese Lösung als unwirtschaftlich. Daher fiel die Entscheidung zugunsten eines Neubaus. Dieser schließt das Schulgelände zur Buschfeldstraße hin ab und ersetzt an dieser Stelle einen provisorischen Pavillon. Mit der Behandlung des Baukörpers und dessen Materialisierung interpretierten die Architekten die „Vorgaben“ des Ortes auf nahezu spielerische Weise: So gibt eine asymmetrische Neigung des Daches – die im Eingangsbereich eine Gegenbewegung durch das Anheben der Eingangsecke erfährt – dem Haus einen außergewöhnlichen, markanten Zuschnitt. Die Wahl lasierter Betonfertigteile für die drei geschlossenen Fassadenseiten vermittelt zwischen gefügter Bauweise in der Nah- und monolithischer Bauweise in der Fernwirkung. Das Ergebnis einer derartigen Abstraktion ist eine Architektur emblematischen Charakters, die sich den Ort in seiner Heterogenität dienstbar macht.

Während der Neubau dem westlich gelegenen Straßenraum gegenüber durch seine relative Geschlossenheit als klarer Abschluss des Schulgeländes auftritt und diese Undurchlässigkeit an den Schmalseiten fortsetzt, öffnet er sich zum östlich gelegenen Schulhof über beide Geschosse. Zwar bieten der Schulhof und die vollständig geschlossene Ziegelwand der Sporthalle vis-à-vis des Neubaus, die die weiteren Schulgebäude von Erweiterungsbau gewissermaßen abschirmt, wenig Attraktives, und auch die wenigen Pflanzungen erfahren hier offenbar geringe Pflege – doch ist die Intention deutlich: Der Raum der Schule eröffnet sich jenseits der Straße, die keiner Identitätsfindung Halt geben könnte, und der Neubau friedet diesen Bezirk des Lernens ein.

Die Öffnung versteht sich nicht nur als formaler Kontrast zur Schließung der übrigen Fassaden, sondern ermöglicht zugleich den unmittelbaren Bezug der Schulräume zum Äußeren. Alle wesentlichen Räume des Erweiterungsbaus – fünf Betreuungsräume und ein Speisesaal mit Küche – reihen sich entlang der östlichen Fassade auf und verfügen über Austritte ins Freie; im Obergeschoss wird dies durch einen über die gesamte Gebäudebreite laufenden Balkon gewährleistet, der der Pfosten-Riegel-Konstruktion der Glasfassade vorgehängt ist.

Als rein formale Caprice im besten Sinne kann die Ausbildung des straßenseitigen Eingangs gelesen werden, die sich derart aus der geometrischen Figur des Gebäudes zu entwickeln scheint, dass sie vollkommen stimmig den Zugang in das exzentrische Gebilde formuliert. Denn nach Süden hin fällt das Dach des Neubaus schräg ab, wodurch die südwestliche Gebäudeecke eine Betonung erfährt. An dieser Stelle öffnet sich der Zugang in einer Umkehrung der fallenden Linie des Daches. Blicke und Wege werden so zur spitzwinkligen Aussparung der Gebäudeecke gelenkt, die das Innere der Schule eröffnet. Zudem betont die ungewöhnliche Anhebung der Fassade über Eck, die in geradezu untektonischer Weise daherkommt, die gleich geartete Beschaffenheit der inneren und äußeren Fassade: Die Baukörperausbildung bricht hier, im Sockelbereich, mit klassischen Schemata und exponiert dadurch umso mehr die Betonfertigteile, die innen wie außen sichtbar bleiben, durch die gefärbte Lasur aber eine irritierende Haptik aufweisen.
Der formal exponierte Eingang leitet in einen Windfang, hinter dem sich im Inneren ein unerwartet großzügiger Raum öffnet. Der zweigeschossige Bau tritt dem Besucher mit einer lichten Halle entgegen, die die volle Höhe bis zum Dach einnimmt. Ihr Licht erhält sie von seitlichen Fenstern und von fünf runden Oberlichtern, die – wollte man die Interpretation auf die Spitze treiben – entfernt an Lichtkanonen Corbusierscher Prägung erinnern. Der unregelmäßige Zuschnitt des Baukörpers wird im Inneren besonders spürbar, da die im Süden großzügige Halle sich im Norden, entlang der Erschließung der Klassenräume, verjüngt und schließlich in einem spitzen Zwickel ausläuft.

Die drei Klassenräume des oberen Geschosses werden über eine Galerie erschlossen, zu der eine offene Treppe hinaufführt. Blickbeziehungen zwischen Oben und Unten, Innen und Außen weiten die gesamte Erschließungszone. Wäre das Wort „freundlich“ nicht derart unangebracht zum Zwecke der Charakterisierung von Architektur, hier könnte die Vokabel Anwendung finden.

Weisen die Wände im Bereich der Halle und der Galerie die gleiche Farbigkeit auf wie im Äußeren des Baus, sind sie im Inneren der Klassenräume weiß verputzt. Leichtbauwände trennen die Klassenräume voneinander ab, Abhangdecken stellen die Einhaltung schallschutztechnischer Anforderungen sicher. Allein der Bodenbelag wiederholt die Farbigkeit der Fassade und setzt – neben den zahlreichen inzwischen von Kinderhand gefertigten Zeichnungen – einen farbigen Akzent in den Klassenräumen. Hier bietet das Weiß der zum Schulhof geöffneten Räume den neutralen Rahmen zur Entfaltung der Kinder, deren Schule durch den Neubau ein Gesicht von hoher Charakteristik erhalten hat.

Rainer Schützeichel
September 2009

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Objekt-Daten

ObjektnrProjekt # 092
Baujahr2006-2007
EigentümerBerthold-Otto Grundschule und Katholische Grundschule Friedlandstraße
BauherrGebäudewirtschaft der Stadt Köln
ArchitektSchilling Architekten, Köln
Auszeichnungen2008 - Schulbaupreis NRW, Auszeichnung
Fotos vonJens Willebrand; Graphiken von Schilling Architekten