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Gewerbehof Huhnsgasse

Ein modernes Ensemble öffnet sich konsequent zum langen und schmalen Hof hin. Die alten Strukturen des Gewerbehofes wurden rekonstruiert, ohne historisierend zu sein.
Fotograf: Lukas Roth



Verwaltung & Büro / Wohnen

Gewerbehof Huhnsgasse


Huhnsgasse 34
50676 Köln
Innenstadt

Ein wenig abweisend wirkt es, das schmale zweiachsige Ziegelhaus in der Huhnsgasse mit seinem gewaltigen schmiedeeisernen Tor. Doch wer durch die enge, dunkle Tordurchfahrt tritt, ist überrascht, über den lichten und hellen Innenhof der dahinter liegt. Ein modernes Ensemble öffnet sich konsequent zum langen und schmalen Hof hin. Der alte Gewerbehof wurde in den Jahren 2004 und 2005 zu Büro- und Wohngebäuden umgebaut. Mit viel Mühe und Kleinarbeit haben die Architekten die alten Strukturen rekonstruiert, erhalten, was zu erhalten war und mit modernen Elementen ergänzt.

Das heute viergeschossige Wohngebäude an der Huhnsgasse, sowie das an der Südwestseite des Hofes liegende dreigeschossige Gewerbegebäude hatten Kriegsschäden und Wiederaufbau einigermaßen unbeschadet überstanden, die gegenüber liegenden Gebäude hingegen waren durch unsachgemäßen Wiederaufbau kaum noch als die ursprünglichen Bauten zu erkennen – so wie die gesamte Hofanlage: Mit allen Ein- und Anbauten ließen sich die Qualitäten und die Einzigartigkeit des Gewerbehofes nur noch erahnen.

Spuren der Vergangenheit

Überall in den chaotischen An- und Umbauten der Nachkriegsjahre tauchten Spuren der Vergangenheit auf: So lag unter dem Asphalt des Hofes noch das alte Pflaster. Es wurde freigelegt und der Hof neu damit gepflastert. Auch die alte Kappendecke im Erdgeschoss des südwestlichen Gebäudes ist noch erhalten und erinnert in der heutigen Arztpraxis an den ursprünglichen Gewerbebau. Etwas unmotiviert steht eine vereinzelte Stütze mitten im Raum, selbst der Statiker konnte nicht sagen, welchem Zweck sie dient, vermutlich stand eine schwere Maschine im Obergeschoss an genau dieser Stelle. Die Stütze herauszunehmen hat sich jedoch niemand getraut, ist doch heute nicht mehr nachvollziehbar, wie genau die statischen Zusammenhänge des Gebäudes funktionieren.

Besonders geschickt fügt sich der neue Aufzug in das alte Ensemble ein: In einer Nische der Fassade ist er außen angesetzt, der Fahrstuhlschacht nur mit einer Glaswand abgetrennt. So ist die historische Gebäudeform noch erlebbar, trotzdem bietet die Lage des Fahrstuhls den Vorteil, das höher gelegene Erdgeschoss von außen zu erreichen.

Trotz aller Relikte der Vergangenheit ist das Ensemble jedoch nicht historisierend angelegt, vielmehr ist es ein faszinierendes Wechselspiel aus Alt und Neu. Die zweifarbige Ziegelfassade des südwestlichen Gewerbebaus mit seiner rhythmisierenden Lisenengliederung war noch erhalten, sie musste lediglich restauriert werden. Auch die Fenster im zweiten Obergeschoss waren noch die Originale mit Eisensprossen, hier wurde die ursprüngliche Sprossenaufteilung beibehalten.

In den beiden unteren Geschossen waren die bogenförmigen Fensteröffnungen zugemauert um rechteckige Fenster einsetzen zu können. Niemand konnte mehr sagen, wie die ursprünglichen Fenster aussahen, also wurden neue entworfen, die sich in die Ziegelfassade einfügen, als wären sie schon immer dort gewesen. Anders das Dach. Mit seiner steil aufragenden Form, den nicht über den anderen Fenstern sitzenden Gauben und der Metalleindeckung wirkt es wie eine moderne Ergänzung – und ist doch die Ursprungskonstruktion.

Paradiesische Oase

Stärker eingegriffen wurde bei den beiden Gebäuden auf der gegenüber liegenden Seite des Hofes. Hier waren weder die Fassaden noch die Dächer im Vorkriegszustand. Lediglich ein kleiner Teil der Fassaden bestand noch aus dem ursprünglichen zweifarbigen Ziegelmauerwerk, der Rest wurde nach dem Krieg aus alten Backsteinen wieder aufgebaut. Als ergänzendes Fassadenmaterial für diese Gebäude wurde ebenfalls Ziegel ausgewählt, der sich harmonisch in die Materialien des Ensembles einfügt.

Auch die Formate der Fensteröffnungen wurden der vorhandenen Substanz entlehnt. Sofort ist zu erkennen, dass es sich um neu eingefügte Fenster handelt und doch passen die Proportionen in das Gesamtbild. Um den kubischen Charakter dieser beiden Gebäude hervorzuheben, wurden die nach dem Krieg aufgesetzten Pultdächer zugunsten von Flachdächern abgetragen. Auf dem Gebäude in der Ostecke des Hofes ist so eine Dachterrasse entstanden, die dieses Haus in Verbindung mit den vorgesetzten Balkonen zu einer Oase mitten in der Stadt macht.
1890 wurden die meisten der Gebäude des Gewerbehofes an der Huhnsgasse errichtet, ursprünglich befand sich hier ein technisches Geschäft für Wasserreinigungsanlagen. Ab 1919 produzierte dann die Firma Boonekamp Schnaps und Pralinen. Ein Teil der Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der Wiederaufbau war – wie üblich in dieser Zeit – unsachgemäß und den aktuellen Bedürfnissen und vorhandenen Materialien angepasst. Kein Gedanke wurde daran verschwendet, dass es sich bei normalen Wohn- und Gewerbebauten um etwas Erhaltenswertes handeln könnte. In die Gewerbegebäude am Hof zog eine Druckerei für Kreuzworträtsel ein und bestand bis zum Jahr 2002.

Denkmalschutz für den Gewerbehof

In dieser Zeit verfiel das Ensemble zusehends, zeigte aber immer noch so viel von der kleinteilig parzellierten Altstadtstruktur, dass es insgesamt schützenswert erschien. Unter Denkmalschutz wurde es auch deshalb gestellt, weil bei den Wiederaufbauarbeiten nach dem Zweiten Weltkrieg von der zu 90% zerstörten Altstadt zwar die historischen Reste bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wiederhergestellt wurden, alles was später gebaut wurde jedoch vernachlässigt wurde. Als Besonderheit ist bei der Huhnsgasse 34 auch zu werten, dass sich die zweifarbige Klinkerfassade und die Segmentbogenfenster auch bei den Gewerbebauten fortsetzen. Dies zeigt eine Gleichwertigkeit von Wohn- und Gewerbebauten und die noch bis zur Jahrhundertwende übliche Übertragung traditioneller historischer Baustile auf den neuen Gebäudetyp des Industrie- und Gewerbebaus.

Gesucht und gefunden

Die Eigentümergemeinschaft, die sich dann letztendlich an den Wieder- und Neuaufbau der Bauten machte, hatte sich schon vorher gebildet – mit dem Ziel, genau so etwas zu finden. Die Zusammenarbeit mit den Denkmalschützern verlief, so der Architekt Wolfgang Raderschall, völlig problemlos. Vielleicht auch deshalb, weil hier von Anfang an mit einem sicheren Händchen für ein gekonntes Zusammenspiel aus Alt und Neu geplant wurde.

Vera Lisakowski
September 2008

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Objekt-Daten

ObjektnrProjekt # 088
Baujahr2004-2005
EigentümerPrivat
BauherrBauherrengemeinschaft Huhnsgasse GbR
ArchitektRaderschall Architekten BDA, Köln
Auszeichnungen2007 - Teilnehmer der Ausstellung SPURENSUCHE
Fotos vonLukas Roth; Vera Lisakowski; Raderschall Architekten
Projektpate(n)Carolin Schüten