BAUWATCH Impressum Kontakt Sitemap koelnarchitektur.de

Wohnhaus II - Scheuring

Neu Sprache im Geist des Ortes:
Das Wohnhaus II von Scheuring und Partner Architekten
Foto: Jens Willebrand



Wohnen

Wohnhaus II - Scheuring


Statthalterhofallee 10
50858 Köln
Junkersdorf

Als Ebenezer Howard im ausklingenden neunzehnten Jahrhundert seine Idee der Gartenstadt propagierte, hatte er im Sinn den siechenden Arbeitern, die in den durch die Industrialisierung boomenden Fabriken schufteten, wenigstens im Privaten Entlastung zu schaffen. Er erdachte eine Konzeption, die den Menschen Wohnraum im durchgrünten Stadtraum zur Verfügung stellte. Einzel- und Reihenhäuser mit Gärten und Parks für die Bewohner. Zum einen sollte die Bevölkerung dieser Gartenstädte so einen naturnahen Ausgleich zur Arbeit in den Betrieben finden, zum anderen sollten sie durch die Gärten in der Lage sein, einen Teil des eigenen Nahrungsmittelbedarfs selbst aufzubringen.

Als die Bewegung der Gartenstadt von Großbritannien sowohl in die Vereinigten Staaten als auch auf das europäische Festland schwappte veränderte sie sich deutlich. Nicht mehr der proletarische Arbeiter stand im Fokus der Betrachtung, sondern der Stadtmensch des gehobenen Mittelstandes und die Gutbetuchten der Gesellschaft. Am Rande der Städte entstanden in dieser Zeit Siedlungen, die die Idee der Gartenstadt in Bezug auf die Grünraumplanung übernommen hatten.

In Köln findet man einige dieser Siedlungen. So zum Beispiel im Westen des Zentrums in Junkersdorf. Ruhige Straßen und Alleen bestimmen das Bild. Neben suburbaner vorstädtischer Schlösschenarchitektur finden sich unprätentiöse Architekturen, die die Formensprache der Moderne sprechen. Diese Villen aus den 1920er und 30er Jahren überzeugen vor allem durch ihre Zurückhaltung. So erscheint Junkersdorf als ein inzwischen heterogenes, fast dörfliches Gefüge in einem immer noch sehr homogenen grünen Areal. Das Haus Scheuring stellt sich dabei ganz in die Tradition der Zurückhaltung, wie sie die Bauten aus der Anfangszeit der Siedlung und einige wenige Beispiele aus den Jahren 1950 bis 1960 gelungen vorleben: nicht aufdringlich und doch ambitioniert in der Architektur.


  >>> Wohnhaus I Scheuring-Hannibal

Die Bauparzelle, bei einer Grundstücksteilung in den siebziger Jahren entstanden, gab den Architekten einige Widrigkeiten vor. Mit den Abmessungen 18 auf 20 Meter handelt es sich hierbei fast um ein quadratisches Baufeld, das zwar klar gen Nord-Süd gerichtet ist, aber gerade im Vergleich zu den umliegenden Grundstücken als klein gelten muss. Darüber hinaus legte der Bebauungsplan von 2002 den Planern weitere Zwänge auf: zweigeschossig galt es zu bauen mit einem zusätzlichen Staffelgeschoss, der Baukörper durfte nicht straßenbegleitend ausgeführt werden. Dies machte das Areal in Kombination mit der Grundstücksgröße als Baugrund für viele reichlich unattraktiv.

Die Architekten von Scheuring und Partner bedienten sich in dieser Lage eines Kunstgriffs, der viele Probleme zugleich lösen konnte. Über die Längsseite des Baukörpers führten sie ein Splitlevel ein. Das heißt, jeweils die Hälfte des Innenraums ist gegenüber der anderen Hälfte um ein halbes Geschoss nach oben oder unten versetzt.

Hinter einer durch eine Hecke abgetrennten, halböffentlichen Zone betritt man das Haus in der Statthalterhofallee ebenerdig auf der Südseite und gelangt in einen halbprivaten Bereich: Die Garderobe als Eingangsbereich des Wohnhauses und, räumlich getrennt, den Besprechungsbereich des Büros. Im Büro geht es um ein halbes Geschoss nach unten. Bereits hier werden die Vorteile des Splitlevels deutlich. Ohne diesen Clou hätten sich schlauchartige schmale, lange Räume ergeben, so aber entsteht ein fließender Raum, der durch die brüstungsfreie Staffelung zwar eine Barriere darstellt, jedoch keine Grenze innerhalb des Raumgefüges aufbaut. Die Raumkompartimente fließen ineinander und sind doch als einzelnen Zonen innerhalb des Gesamtgefüges erkennbar.

Das gesamte Haus weist eine deutliche Gliederung auf: Sukzessive bewegt man sich vom Öffentlichen hin zum Privaten. Tatsächliche Grenzen nebst raumbildenden Barrieren schaffen hier eine klare Struktur und logische Folge von Räumen. Vom öffentlich gedachten Erdgeschoss gelangt man ein halbes Geschoss hinauf in die Wohnküche. Ganz im Sinne Sempers, ist es hier möglich, sich gemeinschaftlich um den Herd, das Feuer der Neuzeit, zu versammeln. Zwischen den Splitlevels vermitteln sowohl eine in Sichtbetonwänden gefasste Treppe, als auch die Sitzstufen. An die Wohnküche im Norden schließt im Südteil des Hauses mit dem Wohnraum ein weiteres Niveau an. Von hier gelangt man nach und nach in die wirklich privaten Räume des Hauses: Die Schlafzimmer als intime Rückzugsbereiche.

Durch die Einführung der Splitlevel ist es den Architekten gelungen, nahezu ein gesamtes Geschoss an zusätzlicher Fläche zu gewinnen – bei den Abmessungen des Grundstücks die Vorraussetzung, um einen Bau für eine fünfköpfige Familie und ein Büro zu entwickeln. Ergänzt wird diese architektonische Taktik durch die konsequente Ausnutzung der übrigen Flächen für die Nassräume. Bei diesen, auf das Minimum reduzierten und völlig funktionalen WCs und Badezimmern wird deutlich, wie durchdacht das Haus Scheuring ist. Nicht nur die Ausnutzung der knappen Fläche und die daraus resultierenden Räume überraschen, auch der Grad der Detaillierung überzeugt. Vom Fliesenspiegel über die Fensterprofile bis hin zur Lichtführung innerhalb der Räume ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild.
Der Eindruck verstärkt sich: Die Zwänge, die Grundstück und Bebauungsplan den Architekten aufgaben, führten zu einer Lösung, die umso überraschender ist je näher man sie betrachtet. Die Gradwanderung, aus Zwängen und Auflagen eine individuelle Antwort jenseits des Konventionellen zu formulieren, ist hier gelungen.

Um den Bauprozess zu beschleunigen haben die Planer auf eine Mischkonstruktion zurückgegriffen. Die tragenden Wände sind in Beton ausgeführt, der im Inneren weiß verputzt und außen mit Zedernholz verschalt ist. Einzig im Bereich der Treppe ist der Beton als sichtbares Bauelement belassen. Die Geschossdecken weisen eine Primärtragstruktur aus Stahlträgern auf, in die Holzbalken eingelegt sind. Indem hier auf Beton verzichtet wurde, konnte die Bauzeit nahezu halbiert werden. Der Schallschutz der Geschossdecken wird nun durch den massiven Estrich gewährleistet.

Steht man dann wieder vor dem Haus, wird deutlich, wie gut sich diese Architektur dem Ausdruck der umliegenden Bauten anschließt. Unaufgeregt mit Zedernholz verkleidet versucht diese Architektur erst gar nicht die Guten unter den umstehenden Häusern zu imitieren, lehnt sich aber doch an deren Attitüde der Zurückhaltung an. In den Kubaturen deutlich der Moderne verhaftet, zeigt die Holzverkleidung jedoch die spätere Epoche der Erbauung an. Hier schließt sich der Kreis: Dieses Haus gehört einfach an diesen Ort.

David Kasparek
Oktober 2007

Zurück

Objekt-Daten

ObjektnrProjekt # 084
Baujahr2005
BauherrClaudia Hannibal-Scheuring und Prof. Andreas Scheuring
ArchitektScheuring und Partner Architekten, Köln
Auszeichnungen2006 - Kölner Architekturpreis, Anerkennung
Fotos vonJens Willebrand; Graphiken von Scheuring und Partner
ProjektpateBauunternehmung Bruno Klein
 

Weitere Objekte von Scheuring und Partner Architekten, Köln

Wohnhaus Scheuring-Hannibal