BAUWATCH Impressum Kontakt Sitemap koelnarchitektur.de

Die Brücke

 


Kunst & Kultur

Die Brücke


Hahnenstraße
Köln
Innenstadt

Schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ließ der Wiederaufbau von Köln nicht lange auf sich warten. Sogar ausländische Bauherren investierten in den Neubau von Gebäuden, so in das britische Kulturinstitut. Im Auftrag der britischen Besatzungsmacht planten die Bauherren ein repräsentatives und zugleich funktionales Gebäude, das Platz für Kino und Kultur bieten sollte.

1947 wurde Wilhelm Riphahn (1889 – 1963) von den Briten mit einem Neubau beauftragt. Wenige Meter vom Neumarkt entfernt errichtete der Kölner Architekt das neue Kulturinstitut als zwei- bzw. dreigeschossigen Flachdachbau, der durch seine Nähe zur romanischen Apostelkirche nicht zu hoch geraten sollte. Noch heute grenzt der Querbau mit zurückversetztem Längstrakt direkt an die Straßenflucht der Hahnenstraße an.

Gemeinsam mit Rudolf Schwarz war Riphahn maßgeblich am Wiederaufbau der Stadt beteiligt. Als städtebaulicher Berater sorgte er bis 1948 dafür, dass die stark zerstörte Rheinmetropole ihre traditionelle Rasterung, die zum Teil noch aus der Römerzeit stammte, zurück erhielt. Dazu gehörte auch die Rekonstruktion der Hahnenstraße, die die Nationalsozialisten zu einer 70 Meter breiten Schneise geöffnet hatten. Geplant war die Verbindung zu großen Paradefeldern am Aachener Weiher und in Deutz gewesen. Mit flachen Pavillonbauten führte Riphahn die Straßenführung nicht nur auf ihre ursprüngliche Breite zurück, sondern konzipierte zugleich die erste Ladenzeile nach 1945. In Anlehnung an die erste Fußgängerzone Europas in Rotterdam sollte die Hahnenstraße mit ihrem britischen Kulturinstitut zu einer beliebten Flanier- und Kulturmeile werden.

Riphahns Gebäude entstand an einem geschichtsträchtigen Ort. 1859 war hier unter der Leitung von Julius Schlöndorf das Apostel-Gymnasium gebaut worden – die Schule, die Bundeskanzler Konrad Adenauer besucht hatte. Aus der Zeit des historistischen Gebäudes waren nach dem Krieg noch der alte Baumbestand des Schulhofes und die Kellerräume übrig geblieben, die Riphahn in seinem Neubau integrierte. Um die Bäume zu erhalten, konzipierte er "die Brücke" um sie herum als Winkelbau, den er ein Stück von der Straßenflucht abrückte.

"Es macht den Engländern offensichtlich Freude, ihr Centre am Rande des pulsierenden Verkehrs zu sehen, mitten im alltäglichen Leben", urteilte die Deutsche Bauzeitschrift in ihrer Novemberausgabe aus dem Jahr 1954 über den Standort. Tatsächlich erhofften sich die Briten, im Zentrum der Stadt schneller einen Zugang zur deutschen Bevölkerung zu finden. Das Interesse der Kölner gab ihnen Recht: Schon im ersten Jahr ihres Bestehens verzeichnete die "Brücke" 260.000 Besucher.

Mit Kino, Kultur und Konzerten versuchte die Besatzungsmacht, demokratische Werte zu vermitteln und einen eigenen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten. Bereits 1946 hatte das erste "Information Centre" im britischen Sektor Berlins seine Pforten geöffnet. Unter dem Namen "Die Brücke" folgten bis 1947 über 60 weitere Kultureinrichtungen in Nordrhein-Westfalen. 1959 wurde aus der deutsch-britischen Institution in Köln ein "British Council", die offizielle Kulturvertretung des Königreiches im Ausland.

Dass ein deutscher Architekt den Auftrag erhalten hatte, war kein Zufall gewesen. Während der NS-Zeit war Riphahn mit seiner jüdischen Frau im Bergischen Land untergetaucht. Mit seinen Siedlungsbauten in Bickendorf und Buchforst hatte er sich in den 20er Jahren einen Namen als Vertreter des Neuen Bauens gemacht. Der geradlinige Stil des etablierten, aber nicht mehr ganz jungen Architekten kam den Auftraggebern gerade recht.

Mit der betonten Schlichtheit seines kubischen Gebäudes löste sich Riphahn bewusst vom Pathos der NS-Zeit. Getreu der Bauhaus-Tradition bestimmt im "Brücke"-Bau die Funktion die Form. Wie später beim Institut Français am Sachsenring (1953) oder dem Kölner Opernhaus (1954 - 1957) unterteilte er sein Gebäude in Funktionsbereiche. Im nahezu würfelförmigen Querbau wurden zwei große Veranstaltungssäle sowie ein Seminarraum im dritten Obergeschoss untergebracht. Abgeschlossen vom Tageslicht ließ er auf Straßenniveau ein Kino, darüber einen Theatersaal mit Künstlerzimmer errichten. Im ersten Stockwerk des Längsbaus fanden Studier- und Konferenzzimmer ihren Platz. Darunter lagen die zum Straßenraum hin liegenden Lesesäle und eine Leihbücherei. Am hinteren Ende des Traktes und oberhalb der Hausmeisterwohnung waren, abgelegen vom Publikumsverkehr, die Verwaltungsräume untergebracht.

Zentrales Thema des "Brücke"-Baus sollte das Licht werden: Noch heute wird der Seminarraum des Querbaus im dritten Stock über einen in die westliche Gebäudeecke eingefügten Hof beleuchtet. Sechs geschwungene Erkerfenster sorgen für Tageslicht im Theatersaal, dessen Fensterreihe sich an der Ostseite zum Antoniterhof öffnet und von einem kleinen Fenster akzentuiert wird. Wandfüllende Fenster lassen Licht in das Foyer mit Windfang, durch den Wechsel von Fenstern und verputzten Feldern wird im Trakt des Lesesaals die Stahlskelettbauweise des Gebäudes zwischen weißen Stahlstützen sichtbar gemacht.

"Es gab das Gerücht, dass die Nazis hier selbst ein Kulturinstitut geplant hatten", erinnert sich Wolfgang Schmidtlein, der als Architekt für Riphahn gearbeitet hatte. Auch wenn es dafür keine Belege gibt, so ist doch auffällig, dass Riphahn seine "Brücke" bereits 1950, also zur Zeit äußerster Materialknappheit hatte fertig stellen können. Hatte er also Baustoffe verwandt, die sich die Nazis zuvor reserviert hatten? Schmidtlein hält dies für möglich.

Bezeichnend für die frühen 50er Jahre war Riphahns Anspruch, unterschiedliche Materialien zu verwenden und das Gebäude zu einem interdisziplinären Gesamtkunstwerk zu vereinen. So wirkt das weitläufige Treppenhaus im Nordteil des Querbaus mit seinem geschwungenen Handlauf fast ornamental.

Mit Toni Stockheim, der eine Hahnenplastik für das Gebäude schuf und einer Leichtmetallplastik über dem Eingang von Ludwig Gies hatte Riphahn Künstler engagiert, die sich in die Tradition des Kölner Werkbundes einfügten. Details des 50er Jahre Stils waren die weit überkragenden Dächer des Gebäudes und die ummantelten Arkaden im Eingangsbereich. Besonders ist auch die Verkleidung des Querbaus mit Muschelkalkplatten, durch die er sich optisch vom Längstrakt unterscheidet.

Die Briten blieben fünf Jahrzehnte in ihrem Domizil. Im Jahr 2000 jedoch kam das Aus. Mit dem Umzug nach Berlin verabschiedete sich nicht nur eine wichtige Kulturinstanz aus der Rheinmetropole, sie versetzte ein Kleinod der 50er Jahre Architektur in einen Dornröschenschlaf, der beinahe zu seinem Verhängnis geworden wäre.
Nach dem Auszug bestimmten Studentenpartys und Ausstellungen des "Internationalen KölnDesign Hauses" das Leben im Riphahn-Bau, der zunehmend verfiel. Das Problem lag auf der Hand: Wie im Institut Français war die britische Regierung lange nur Nutzer, nicht aber Besitzer ihres Kulturinstitutes gewesen, das ihr die Stadt Köln kostenfrei zur Verfügung gestellt hatte. Folglich hatte man die Instandsetzung des Gebäudes vernachlässigt.

Das Bauloch am Neumarkt wurde da zum Glücksfall. Hier hatte der Kölnische Kunstverein ein neues Zuhause finden sollen, nachdem die Stadt ihr altes Domizil an der Cäcilienstraße im Herbst 2002 hatte abreißen lassen. Doch der zuvor angekündigte neue Museumskomplex ließ auf sich warten – bis heute. Kurzerhand machte sich das Künstlerhaus selbst auf die Suche nach Alternativen und wurde, wenige Meter von der alten Haustür entfernt, fündig.
Für den Kunstverein war "Die Brücke" geradezu ideal. Der Lesesaal und ein Seminarraum wurden zur Ausstellungsfläche, die Studier- und Konferenzzimmer im Längsbau zum Verwaltungstrakt. Mit der Stadt Köln, Fördergeldern und der Hilfe von Sachspenden brachte der Kunstverein einen Fonds zur Renovierung zusammen. Heute kann der Kunstverein sein neues Domizil auf 30 Jahre mietfrei nutzen.

Unter der Leitung des Wiener Architekten Adolf Krischanitz wurde Volker Spies mit den Renovierungsarbeiten beauftragt. "Zeitweise haben wir wie Archäologen gearbeitet" erinnert sich der 33-jährige Architekt heute. Unter Schichten von Teppichboden und Linoleum machten sich die Architekten auf eine Spurensuche in die 50er Jahre. Solnhofer Natursteinplatten kamen im Treppenhaus zum Vorschein. Im Theatersaal wurde der graue Linoleumboden erhalten. Nur im ehemaligen Lesesaal entschieden sich die Architekten zu einem Novum: Hier hatte man Asphaltterazzo entdeckt und als ungewöhnlichen, aber reizvollen Bodenbelag im neuen Ausstellungsraum renoviert.

Wenn Wolfgang Schmidtlein heute durch die renovierten Räume des "British Council" geht, dann erinnert er sich gern an die Planungsarbeiten aus den 50er Jahren. "Riphahn wäre zufrieden bei diesem Anblick", quittiert er das Werk von Krischanitz und Spies, die dafür gesorgt hatten, dem Bau seine klaren Strukturen zurückzugeben. Eigenwillige Konstruktionen der 50er Jahre wie die Rippendecken im Lesesaal wurden weitgehend erhalten. In den Wänden der Bibliothek hatte jahrzehntelang eine Luftheizung geschlummert. Sie wurden restauriert und dafür unregelmäßig angeordnete Heizkörper entfernt.

Ein Problem wurden die Brandschutzauflagen, schließlich hatte Riphahn Vorschriften beachtet, die heute längst überholt sind. Im ersten Stock veranlassten die Experten, die Rippendecke abzuhängen. Feuer- und Bewegungsmelder fehlten. An einige ungewöhnliche Fluchtwege hatte der Kölner Architekt jedoch bereits gedacht: Mit einer Rutschstange gelangte der Filmvorführer des Kinos direkt auf die Hahnenstraße. Eleganter hätte man sich vor Feuer nicht retten können.

Von der Inneneinrichtung aus den 50er Jahren sind heute nur noch Fragmente erhalten: Die Kinosessel sind nach wie vor Originale. Im Foyer wurden Glühlampenfassungen aus gedrücktem Messing restauriert, die Türen aufgearbeitet, der Neonschriftzug "Die Brücke" erneuert. Inzwischen ist ein Großteil der Sanierung abgeschlossen, doch nach wie vor fehlt das Geld für eine Renovierung der Kalkplatten-Fassade und für einige Fenster.

Nach 3-jähriger Umbauphase präsentiert sich die Eingangshalle in der "Brücke" heute so, wie sie Riphahn 1949/50 konzipierte. Die Wände sind wieder weiß, ein Plastikfoyer aus den 70er Jahren hat der alten Weitläufigkeit des Raumes Platz gemacht. Auch eine Grundidee des Baus, die sich an die Bauhaus-Tradition anlehnte, ist in das Gebäude zurückgekehrt. Im ehemaligen Verwaltungstrakt im ersten Stockwerk hat der Kunstverein zehn Künstlerateliers für Stipendiaten der Imhoff-Stiftung eingerichtet. Auch die Hausmeisterwohnung hat eine neue Aufgabe bekommen: Regelmäßig wird hier ein Künstler untergebracht, der im neuen alten Riphahn-Bau wohnen, arbeiten und seine Kunst präsentieren wird.

Zurück

Objekt-Daten

Baujahr1950
EigentümerStadt Köln
BauherrVereinigtes Königreich Großbritannien
ArchitektWilhelm Riphahn
2. Bauphase 
Baujahr2004
BauherrKölnischer Kunstverein
ArchitektAdolf Krischanitz, Wien mit Volker Spies, Köln