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legal / illegal

legal / illegal erhielt 2003 den Kölner Architekturpreis.
Foto: Manuel Herz



Verwaltung & Büro / Wohnen

legal / illegal


Goltsteinstraße 110
50968 Köln
Bayenthal

Dank der reinen Kosten-Nutzen-Analyse eines Projektentwicklers entstand in Bayenthal ein fremdartiges Gebäude - und einer der Preisträger des Kölner Architekturpreises 2003.

Ein erster Entwurf hatte aufgezeigt, daß ein ganz gewöhnliches Gebäude auf dem 5,5m x 25m großen Grundstück wirtschaftlich völlig uninteressant und obendrein nicht genehmigungsfähig war. Mit ein wenig planerischem Mehraufwand sollte ein "etwas anderes" Gebäude gebaut werden, mit dem ein überproportional höherer Preis zu erzielen wäre.

Als hinderlich erwies sich dabei indes ein im Jahre 1970 für das ehemalige Werks- und Expansionsgelände der "Kölner Maschinenbau AG" beschlossener Bebauungsplan. Von Investoren und Verwaltung als Reaktion auf die Stadtflucht insbesondere junger Familien ersonnen, sollte er dafür sorgen "daß das Dorf in die Stadt kommt".

Man legte fest, die Straßenbahnlinie auf der Goltsteinstraße einzustellen, den Straßenquerschnitt zugunsten von Vorgärten zu verdoppeln, eine ausschließliche Nutzung von Gebäuden für Büros, Gastronomie, Einzelhandel oder produzierendes Gewerbe zu verbieten, eine Gewichtung auf Einzelhäuser zu legen, die Geschoßflächenzahl (GFZ) auf 1,1 zu verringern sowie die maximale Gebäudehöhe auf 1,5 Geschosse zu beschränken.

In keinem einzigen Fall jedoch fand dieser Plan in der Folge Anwendung. Denn die meisten der bestehenden Gebäude auf der Goltsteinstraße waren erhaltenswerte Altbauten und im Falle eines Neubaus ergab sich aufgrund der niedrigen Bebauungsdichte nur ein Verlust für potenzielle Bauherren.

So sanken die Grundstückspreise dank des Bebauungsplanes rapide. Auf dem schmalen Grundstück entstand eine 1,5geschossige Lagerhalle mit historischer Tordurchfahrt.

Zwischen Bauherrn, Architekten und Behörden führte der Widerspruch von theoretischem Regelwerk und gebauten Fakten in der Folge zu einer kreativen Auseinandersetzung. An deren Ende stimmte die Verwaltung dem Bauantrag ohne Einwände zu -allerdings erst nach einer Bearbeitungsdauer von 18 Monaten, was eine sechsfache Überschreitung der gesetzlich vorgeschriebenen Frist bedeutete.

Dabei widerspricht eigentlich nur die eine Hälfte des Gebäudes den bestehenden Regeln.

Der untere transparente, "konventionelle, weil streng rechtwinklige" und für eine Büronutzung vorgesehene Baukörper nämlich, erfüllt alle Vorschriften. Da eine komplette Überbauung des Grundstücks nicht zulässig war, entstanden im hinteren Teil ein Freibereich und durch die abgetreppte Höhenstaffelung verfügt er über Terrassen auf jeder Ebene. Er reagiert auf die im Bebauungsplan um einen Meter zurückgesetzte, vordere Baulinie und zollt so dem überlieferten Torbogen zugleich Respekt.

"Er ist der brave Baukörper, der jedes Gesetz und jede Regelung einhält und durch sie geformt ist."
Oberhalb dieses "legalen" Körpers befindet sich ein zweiter Gebäudeteil. Allein dieses kristalline Gebilde sorgt mit seiner roten Polyurethan-Haut dafür, das Gesamtgebäude aus seinem Umfeld herauszuheben. Dabei ist es in sich illegal, denn die für das Grundstück vorgegebene GFZ wird bereits durch den unteren, "legalen" Baukörper komplett ausgenutzt.

Warum aber sollte bei einem ohnehin unzulässigen Gebäude das übrige Baurecht beachtet werden? So fallen Abstandsflächen als Baulast auf benachbarte Grundstücke - wenn sie aufgrund der geneigten Flächen überhaupt berechenbar sind. Decken liegen auf Wänden der Nachbargebäude auf, da die Grundstücksgrenze in deren Mitte verläuft. Der Körper drängt zurück in die Straßenflucht, wobei er die geltende Baulinie mißachtet. Brandschutzregeln werden ignoriert. Die Fluchttreppe liegt nicht an einer Außenwand...

Sowohl die geistige Haltung hinter dem Projekt, als auch seine äußere Gestalt, und das Innere der zwei großzügigen Wohnungen, mit ihren geneigten Wänden und den sehr bewußt platzierten Ausblicken, sind ohne Zweifel von so großem, auch publizistischem Erfolg, daß Bauherren, Architekten und städtische Behörden durch dieses Beispiel dazu ermutigt sein könnten, mit ihren Gebäuden vorgebliche Grenzen herauszufinden und sie zu überschreiten.

Ulrich Grützner
April 2004

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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 064
Baujahr2003
EigentümerTURRIS Immobilien GmbH & Co. KG
BauherrTURRIS Immobilien GmbH & Co. KG
ArchitektManuel Herz, Köln
Auszeichnungen* 2003 den Kölner Architekturpreis
Fotos vonManuel Herz