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Haus ohne Eigenschaften

Das zweite Haus, das O. M. Ungers für sich und seine Familie in Köln baute, entstanden 1996.
Foto: Stefan Müller


Wohnen

Haus ohne Eigenschaften


Kämpchensweg 58
50933 Köln
Müngersdorf

Geografisch trennen nur 100 Meter Luftlinie die beiden Häuser, die O.M. Ungers für sich und seine Familie in Köln baute, die architektonische Haltung jedoch könnte nicht unterschiedlicher sein. Das Haus ohne Eigenschaften, sein zweites Kölner Haus, entstand 1996, 30 Jahre nach seinem ertsen Wohnhaus in der Belvederestraße. Es liegt im Randbereich des Stadtteils Müngersdorf, in direkter Nachbarschaft des zweiten Kölner Grünzuges, der sich halbkreisförmig um die Stadt legt.

Ungers suchte eine gegenstandslose Architektur, die Hülle, der Raum, der Grundriss in seiner reinen Form. So ist das gebaute Haus entsprechend der Thematisierung weitgehend ohne Eigenschaften, bestimmt lediglich vom Maß, der Geometrie und der Proportion. Ohne Eigenschaften heißt aber auch ohne Eigenschaftswörter. Ungeachtet der Adjektive ‚kubisch’ und ‚weiß’ ist es schwer zu fassen, zu glatt, zu abstrakt die äußere Hülle. Es gibt keine Zwischentöne, keine zu erzählende Geschichte. Oder wie es der Architekt ausdrückt: "Es bewegt sich nichts, nichts ist versteckt, verschlüsselt oder verborgen. Es ist nichts dahinter, alles was gemeint ist, wird sichtbar, wird unvermittelt gezeigt."

Ungers markiert damit den vorläufigen Endpunkt einer Entwicklung, die die Summe aller Erkenntnisse und Erfahrungen der letzten Jahrzehnte seines praktischen und theoretischen Schaffens zusammenfasst. Von seinen frühen sehr plastischen Arbeiten, hin zur Reduktion allen Unwesentlichen. Entstanden ist ein Haus ohne sichtbare Details, bei dem nichts dem Zufall überlassen wurde: Ein Haus ohne Sockel, ohne Basis, ohne Laibung und Attika. So verbindet der Neubau strukturelle und ideelle Ebenen mit einander. In die Gesamtordnung des Gebäudes sind Entwurfsinhalte wie Abstraktion, handwerkliche Perfektion und Regelwerk der Zahlen eingefügt.


Weitere Projekte des Architekturbüros O.M.Ungers:
-> Wallraf-Richartz-Museum - Fondation Corboud

Schichtenweise öffnet sich das Grundstück. Ein Pergolagang an der Südseite erschließt die erste Raumschicht: Den 30 x 20 Meter großen Grünraum. Diesen primären Naturraum trennt eine drei Meter hohe Eibenhecke von der Straße und den Nachbargrundstücken. Die zweite Raumschicht ist steinern. Scharf vom Grünraum getrennt, und mehr schon Teil des Hauses, liegt eine weiße 18 x18 Meter große, zwei stufen hohe Natursteinplattform in der Wiese. Auf ihr steht der Hauskubus wie auf einem Tablett.

Insgesamt zwölf Zugänge führen von hier gleichberechtigt ins Erdgeschoss. Aus Gründen der Abstraktion verzichtete der Architekt auf die übliche Hirachie der Zugänge. Die Fassaden sind gleich, es gibt keine Vorder- und Rückseite. Einzig die Lage auf dem Grundstück definiert und verknüpft Bezüge der verschiedenen Außenräume mit dem inneren Raumgefüge.

Der Weg von außen nach Innen führt durch 1,5 Meter dicke „Wände“. Sie nehmen im „Kahn’schen Sinn“ die dienenden Räume des Hauses auf. Das Prinzip notwendige Versorgungs- und Nebeneinrichtungen wie Schränke, Treppe und Aufzug, Garderobe, WC’s und Abstellräume unterzubringen setzt sich auch in den beiden Innenwänden fort. Es ist Teil der programmatischen Herausforderung funktional auf nichts zu verzichten und dennoch die Aufenthaltsräume als intakte Raumfiguren zu erhalten, die durch nichts im Grundrissbild gestört werden.

Auf dem Regelwerk der Zahlen und Verhältnisse basiert der modulare Aufbau der Grundrisse, Schnitte und Fassaden. Das dreidimensionalen Raster von 3 x 4 Einheiten in der Größe von jeweils 3,60 x 3,60 Metern bestimmt die Grundfigur. Das Ausbauraster von 45 cm durchdringt das Haus vom Gesamtkonzept bis ins kleinste Detail.





Der rechteckige Grundriss variiert den Grundtypus der dreischiffigen Anlage. In allen Epochen der Baugeschichte wurde dieser Villen - Grundtyp verwendet und je nach Zeitgeist stilistisch ausgearbeitet. Hier jedoch wird er in radikaler Weise neu interpretiert. Alles Überflüssige ist abgeschliffen und das Haus auf seine reinste Form ohne dekoratives Beiwerk reduziert. Damit verliert es die zeitliche Einordnung.

Entsprechend der strengen und klaren Struktur der äußeren Form ist auch das innere Raumgefüge organisiert. Um eine zweigeschossige zentrale Halle gruppieren sich in zwei Ebenen vier Räume. Lediglich zwei Grundtypen werden variiert, und durch verschiedene Inhalte definiert. Parallel zur Schmalseite verlaufen jeweils rechts und links des Zentralraumes die beiden haustiefen 'Seitenschiffe'. Im Erdgeschoss die Küche und das Studio, im Obergeschoss die beiden Schlafräume, die mit Galerien über die zentrale Halle hinweg verbunden sind.

Eindeutiges Verhältnis von Wand und Öffnung in Verbindung mit einer scharfsinnigen Grundrissorganisation und der Klarheit der Räume erzeugt die Makellosigkeit einer glatten Perfektion. Materialität und Handwerklichkeit haben dabei in der Erfüllung des absoluten Detail Bedeutung, nicht mehr ihrer selbst willen. Dabei sind Stringenz und Reduktion nicht Attitüde, sondern radikales Konzept zur Minimierung auf das Wesentliche und Teil eines richtungsgebenden Wohnexperimentes, dessen hoher ästhetischen Anspruchs wohl nicht immer die Zwänge des Alltäglichen integrieren lässt.


Barbara Schlei
August 2003

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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 046
Baujahr1996
BauherrO.M. Ungers
ArchitektArchitekturbüro Prof. O.M. Ungers
Fotos vonStefan Müller
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