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St.Theodor



Kirchliche Bauten

St.Theodor


Burgstraße 42
51103 Köln
Vingst

Kriegsschäden und ein Erdbeben hatten dem Vorgängerbau von St. Theodor aus den späten 30er Jahren so zugesetzt, dass er als einsturzgefährdet galt. Weil ein Neubau geringere Kosten verursachte als die Instandsetzung, entschied sich die Vingster Pfarrgemeinde für den Abriss. Allein der Turm aus dem Jahr 1955, der auf eigenen Fundamenten sicher ruht, blieb stehen.

Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben. Aus über 150 anonymisierten Einreichungen ging Paul Böhms Entwurf als Sieger hervor. Im März 2002 wurde die neue Kirche geweiht, ein sandfarbener zylindrischer Baukörper aus Leichtbeton. Aus ihm ragt dunkel der quadratische Turm der Vorgängerkirche heraus; er ist gleichzeitig ein- und nebengeordnet. Ein eingeschossiger Riegel bindet den sakralen Neubau in die vielfältigen Nutzungsanforderungen von Franz Meurer, dem Pfarrer von HöVi-Land ein.

HöVi-Land fasst Höhenberg und Vingst zusammen, zwei Stadtteile, die geprägt sind durch die Arbeitslosigkeit, Armut und Perspektivlosigkeit vieler Anwohner. Dagegen setzt Meurer auf Solidarität und Eigeninitiative. So verfügt das Gemeindezentrum von HöVi-Land nicht nur über eine Bücherei, ein Pfarrbüro und den Gemeindesaal sondern außerdem über ein Möbellager und Werkstätten, eine Lebensmittelausgabe, Räume für Sozialberatung und ein Internetcafé.

Der Zugang zu St. Theodor bietet eine zurückhaltende Einstimmung, indem das Bodenniveau zur Kirche hin sanft ansteigt. Ein hohes Tor aus rohem Eichenholz, das von einem Glasband eingefasst wird, markiert den Haupteingang der Kirche. Ein der Natur entlehnter Farbton und die organische Form lassen an ein Schneckenhaus denken, bieten Raum für Einkehr und Rückzug.

Neben dem Portal liegt eine Treppenrampe die sich auf das Dach der Kirche hinauf windet, vorbei an zwölf Stelen, die die Kreuzwegstationen der alten Kirche St. Theodor präsentieren. Ein Glasband zwischen Dachzone und äußerer Schale, das mit einer Reihe Scheinwerfer versehen ist, bringt Licht in das Kircheninnere.

Rechterhand des Haupteingangs, dort, wo die Betonschale durch den Turm gesprengt wird, liegt das "Bilbelfenster". Als Verschränkung von Text und Muster sind dort das Vater Unser, Segensformeln und Bibelverse zu lesen.

Zum östlichen Pfarrhof zeigt sich der Rundbau der Kirche fensterlos; lediglich einige Lichtschlitze sind ausgespart. Der Zugang zu den Räumen im Untergeschoss steht hier im Vordergrund. Der großzügige Betongrund dient ebenso Freiluft-Veranstaltungen wie der Anlieferung durch Transportfahrzeuge. Neben dem Gemeindesaal haben Kleiderkammer, Lebensmittelausgabe, Werkstätten und Lager hier ihren Platz.
Die Außentreppe, die auf das Dach hinauf führt, ruht auf portalartigen Betonstützen und bildet inwendig einen Kapellenkranz mit Wandelgang. Die schmalen Lichtbänder der Dachzone geben dem Raum eine lichte und lebendige Wirkung. Nördliche Raumgrenze ist die Kunstwand, an der wechselnde Exponate präsentiert werden.

Vor der Ausstellungswand führt ein Gang durch die Kirche und den zur Burgstraße gelegenen Riegel hindurch. Ein breites Oberlicht verschafft ihm einen eigenen Akzent. An diesem Gang sind Sozialräume, Materialräume und die Küche aufgereiht. Das Ineinandergreifen von Sakralem und Weltlichem wird konkret erlebbar in der räumlichen Überschneidung von Gemeindezentrum und Kirchenrund.

Hauptaugenmerk des hellen und schlichten Kirchenraums ist der Turm, der als Sakramentskapelle dient. In ihm fallen das Dunkelste, das Älteste und das Heiligste der Kirche zusammen. Ein bemerkenswertes Detail steuerte Architekt Böhm auch zur Innenausstattung des Neubaus bei. Er schuf ein Reliquiar für die Theodor-Reliquien, das die Form der Kirche und ihres Gemeindezentrums nachbildet.

Paul Böhm hat die Gemeinde als Organismus aufgefasst, in dem einzelne Funktionen ineinander greifen. Sie kommen in Gestalt elementarer Formen daher, als Kreis, Zylinder und Quader, die sich durchdringen. Das Rückgrat der Anlage ist der langgestreckte Riegel, an dem sich Bibliotheks-, Beratungs- und Veranstaltungsräume und im Kircheninneren die Kunstwand aufreihen. Vita contemplativa und vita activa werden nicht getrennt. Im Gegenteil, Religiöses und Weltliches greift ineinander – wie Beten und Handeln.

Sankt Theodor ist unbedingt sehenswert. Leider hat der interessierte Besucher nur Sonntags Gelegenheit, diese gelungene Kirchenarchitektur zu erleben. So wirkt die Kirche zwar einladend jedoch ohne wirklich offen zu sein.


Petra Metzger
August 2003

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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 040
Baujahr2002
BauherrKatholische Pfarrgemeinde St. Theodor
ArchitektPaul Böhm
Fotos vonPaul Böhm; Dieter Leistner
BesichtigungSonntags ca. 12.00 Uhr, nach dem Gottesdienst.
 

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