BAUWATCH Impressum Kontakt Sitemap koelnarchitektur.de

FrauenMediaTurm

Symbiose von Alt und Neu: Außen rekonstruierten die Architekten, innen modernisierten sie.
Foto: Jens Willebrand


Forschung & Bildung

FrauenMediaTurm


Am Bayenturm
50678 Köln
Innenstadt

Im Jahre 1262 besetzte der Kölner Erzbischof mit seinen Truppen die zwei am Rheinufer gelegenen Endpunkte der mittelalterlichen Stadtmauer: den Bayenturm und den Kunibertsturm. Er begann, die strategisch wichtigen Türme zu Festungen auszubauen und wollte damit unter anderem die Kontrolle über das kurz zuvor an die Stadt verloren gegangene, finanziell höchst einträgliche Stapelrecht zurückgewinnen.
Die Erstürmung des Bayenturms durch die Kölner Bürger schließlich, beendete für Jahrhunderte die weltliche Macht des Erzbischofs über die Stadt und begründete den Stolz der Bürger: "Wer den Turm hat, hat die Macht!". Dieses Ereignis gilt zudem als die Geburtsstunde des Ausrufs "Kölle alaaf!" - Köln voran.

Nach Schleifung der Stadtmauer am Ende des 19. Jahrhunderts, freilich unter Bewahrung des symbolträchtigen Bayenturms, wurde aus dem Bauwerk durch die Arbeit des Stadtbaumeisters Josef Stübben zunächst das Museum für Völkerkunde, später das Prähistorische Museum.

Der 2. Weltkrieg verwandelte den Turm in eine Ruine, die 40 Jahre lang durch einfache Sicherungsmaßnahmen vor weiterer Zerstörung bewahrt wurde. Nach kontroverser Diskussion beschloß man 1987, den Bayenturm im Zustand der Jahrhundertwende wieder aufzubauen. Die notwendige finanzielle Hilfe vom Land NRW sollte jedoch nur bei Schaffung einer "öffentlichen Begegnungsstätte" fließen - Karnevalsvereine waren ausdrücklich ausgeschlossen.


Weiter Projekte von Gatermann + Schossig Architekten:
->Hafenamt im Rheinauhafen
->Sozialer Wohnungsbau in der Körnerstrasse
->Kindertagesstätte Körnerstrasse
->Postbank Niederlassung Köln

Teil des städtebaulichen Sanierungsgebietes:
->Rheinauhafen

Ohne sich auf einen zukünftigen Nutzer geeinigt zu haben oder dessen Anforderungen zu kennen, begannen die Bauarbeiten und schritten stetig bis zu einer Höhe von 25 der insgesamt 36 Meter voran.
Das durch Alice Schwarzer initiierte und von Jan Philip Reemtsma mitfinanzierte "Feministische Archiv und Dokumentationszentrum" erhielt schließlich 1991 den Zuschlag, auch zur Stärkung des Medienstandorts Köln. Ein Erbbaurechtsvertrag mit der Stadt über siebzig Jahre sichert nun die langfristige Existenz des Zentrums als "Hort des Frauenwissens".

"Männer stehen auf den Schultern von Riesen, Frauen fangen immer wieder von vorne an": die mit so prominenten Mitgliedern wie etwa Rita Süssmuth besetzte "Stiftung FrauenMediaTurm" hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Historische und die Neue Frauenbewegung zu dokumentieren und methodisch aufzuarbeiten, und zwar allein durch Frauenhand.
Das größte und besterschlossene Fraueninformationzentrum im deutschsprachigen Raum soll dabei mit seinen inzwischen 38.000 Büchern, Aufsätzen, Plakaten und Flugblättern sowie den 1.000 nationalen wie internationalen Zeitschriftentiteln allen interessierten Menschen zu Verfügung stehen.

Das Gebäude mit seiner über 800jährigen Geschichte scheint hierfür, trotz seiner als feindselig interpretierbaren Außenwirkung, der richtige Ort zu sein. Denn von den hier tätigen Frauen, darunter auch ein Teil der Redaktion der Zeitschrift "Emma", wird das Bauwerk weniger als ein Bollwerk gegen die Männerwelt, denn als Bau zum Schutz eines überaus wertvollen Inhaltes verstanden.
Gemeinsam mit den Denkmalpflegern und der "Stiftung FrauenMediaTurm" entwickelten die Architekten das Konzept von "neuem Kern in alter Hülle". Notwendige Einbauten und Installationen grenzen sich klar vom Bestand ab; sind ablösbar, reversibel ausgeführt und tangieren nur selten das historische Bauwerk. "Wie wenn in ein Futteral ein neuer Gegenstand hineingeschoben würde, der durch die Löcher der alten Umhüllung durchscheint."

So ersetzen Stahlfenster die ursprünglich vorhandenen Holzfenster und dokumentieren nach außen hin die neue Funktion. Aufgrund der sehr kleinen Öffnungen in der Außenhaut gestaltete sich dabei die ausreichende Versorgung mit Tageslicht als größte architektonische Herausforderung. Arbeitsplätze wurden deshalb in den großen Fensternischen angeordnet und sämtliche Oberflächen in hellen Farben gehalten: die Lichtreflexion wird dadurch optimiert und trotz der eher düsteren Stimmung des Turms entsteht eine heitere, gelöste Atmosphäre.

Um Licht auch in den oberen Teil des knapp acht Meter hohen Bibliothekssaals gelangen zu lassen, setzten Stiftung und Architekten ein Stahlrost mit quadratischer Glaspyramide als Turmdach durch. Neben ihrer Funktion als Auflager des "Himmelsauges", dient diese Konstruktion einem weiteren Zweck: an ihr hängt, von Stahlstäben gehalten, eine "leichte, elegante, fast immateriell wirkende" Galerieebene, die nur an wenigen Stellen die Wände berührt.

Mit ihren integrierten Bücherregalen und den Stehpulten wurde sie, ebenso wie die Galerien in den unteren Geschossen, industriell vorgefertigt. Die daraus resultierende exakte geometrische Form ist einerseits Ausdruck heutiger Fertigungsstandards und verdeutlicht andererseits beim Einbau in den schiefwinklig verdrehten Turm einmal mehr das Konzept einer bewußten Differenzierung zwischen Alt und Neu.

Ulrich Grützner
August 2003

Zurück

Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 040
Baujahrseit 1180
EigentümerStadtkonservator / Hochbauamt Köln
2. Bauphase 
Baujahr1994
BauherrStiftung FrauenMediaTurm, Köln, Stadtkonservator / Hochbauamt, Köln
ArchitektGatermann + Schossig
Auszeichnungen1994 - Vorbildliche Bauten NRW, Auszeichnung
1995 - Deutscher Architekturpreis, Anerkennung
1995 - Kölner Architekturpreis, Anerkennung
Fotos vonJens Willebrand