Freie Waldorfschule Köln

Die neue Schule setzt sich hinsichtlich der architektonischen Umsetzung des Raumprogramms deutlich von ihrer Nachbarbebauung ab.
Foto: Cornelia Suhan


Forschung & Bildung

Freie Waldorfschule Köln


Weichselring 6-8
50765 Köln
Chorweiler

Ernst Molt, Inhaber der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik, wollte den Kindern seiner Arbeiter bessere Bildungs- und somit Lebenschancen bieten. Pädagogische Grundlage der von ihm gegründeten Waldorfschulen wurde Rudolf Steiners sogenannte "Menschenkunde". Neben der Förderung individueller wissenschaftlicher, künstlerischer oder handwerklicher Begabungen konzentriert sich sein Lehrkonzept vor allem auf die Auseinandersetzung mit den Lebensfragen junger Menschen.
Dabei wird sowohl Rücksicht auf die verschiedenen Stufen der geistigen, seelischen und körperlichen Entwicklung des jungen Menschen genommen, als auch auf die bereits in der Schulzeit geknüpften sozialen Bindungen. So verbringt eine Schulklasse, ohne Sitzenbleiben oder Begabtenauslese, die gesamten zwölf Schuljahre miteinander. Damit soll soziales Verhalten geübt und Spätentwicklern die Entfaltung "schlummernder" Begabungen ermöglicht werden.

Im Jahre 1919 eröffnete in Stuttgart die erste Waldorfschule, nach einer kurzen Existenz in den 1920er Jahren, können seit 1980 auch Kölner Eltern diese Alternative zu staatlichen oder anderen privaten Schulen wählen.
Zunächst in einer ehemaligen Hauptschule in Köln-Esch untergebracht, suchten die Initiatoren schon bald nach einem Grundstück für ein eigenes Schulgebäude. Mitte der 1990er Jahre schließlich bot die Stadt Köln ein 24.000 qm großes Areal zu einem verlockend günstigen Preis an. Allerdings lag das Gelände in unmittelbarer Nachbarschaft zahlreicher, rechteckiger Hochhäuser im Stadtteil Chorweiler und damit an einem der größten sozialen Brennpunkte Kölns. Durch die Ansiedlung der Schule versprach man sich eine Einbindung der örtlichen Jugend in die Lehr- und Freizeitangebote der Waldorfschule und die Verhinderung eines "sozialen Umkippens" des Viertels. Zugleich eröffnete sich für die Schule die Möglichkeit, dem Eindruck einer abgeschlossenen, heilen Welt entgegenzuwirken.

Die neue Schule setzt sich hinsichtlich der architektonischen Umsetzung des Raumprogramms deutlich von ihrer Nachbarbebauung ab. Damit wird das Gebäude nicht nur zum Botschafter des anthroposophischen Ideenkosmos, sondern verdeutlicht zugleich die Entwurfsphilosophie von Plus + Bauplanung: "Häuser zu schaffen, die elementar sind" ist das Ziel des Büros.
Denn der Mensch "er-fährt, be-greift, er-faßt seine Umgebung ganzheitlich mit allen seinen Sinnen". Durch die Beteiligung der späteren Nutzer bei Planung und Bau soll das Haus "weniger ein materiell-physisches, als vielmehr ein psychisch-kognitives Gebilde" werden.

So gelang es unter intensiver Beteiligung von Schülern, Lehrern und Eltern innerhalb von zweieinhalb Jahren den Klassentrakt mit Handarbeits- und Musikräumen, Aula und Verwaltungsbereich zu planen und anschließend auch gemeinsam baulich umzusetzen. Zugleich entstanden eine teilbare Sporthalle, der Werkstattkomplex sowie die Außenanlagen mit Pausenhof, Wasserteich und Gemüsegarten.

Um die Kommunikation zwischen Bauherren und Architekten zu erleichtern, nahm man sich für den Entwurfsprozeß die Struktur einer Rose zum Vorbild. Auf einem Stiel sitzend, besteht die Rosenblüte aus vielen einzelnen Blättern. Diese entfalten sich in die unterschiedlichsten Formen und Größen und behaupten sich so gegen die Ordnung der reinen Geometrie.
Die architektonische Übersetzung dieser Struktur findet sich im dreigeschossigen Klassentrakt: der Rosenstiel wird durch die zentrale Mittelstütze der großen Halle symbolisiert. Um diese Halle gruppieren sich neben den stets viel-eckig geformten 13 Klassenräumen für insgesamt 450 Schüler eine Reihe weiterer Lehr- und Verwaltungsräume.
Die Funktion der Halle beschränkt sich jedoch nicht auf die zentrale Erschließung des Gebäudes. Sie dient zugleich als "Marktplatz" und überdeckte Pausenhalle und bildet, dem Wunsch der Bauherren nach einer umweltschonenden und betriebskostensparenden Bauweise entsprechend, den Mittelpunkt des ökologischen Klimakonzepts.

Die Mittelstütze ist dabei neben ihrer Funktion als statisches Element zugleich Auslaß des Lüftungs- und Heizsystems. Über Erdkanäle gelangt im Winter erwärmte, im Sommer gekühlte Außenluft in den "Rosenstiel" und wird ohne mechanische Unterstützung in den Innenraum entlassen. Die Luft zirkuliert dann durch zu öffnende Elemente im großen Glasdach und die beidseitig mit Fenstern ausgestatteten Klassenräume wieder zurück in den Außenraum. Lediglich bei eisigen Temperaturen sorgt ein kleiner Heizkessel im Reihenhausformat für zusätzliche Warmluft.
Einmal täglich erfolgt so ein kompletter Luftaustausch, der "Hitzefrei" zum Bedauern der Schüler zu einem Fremdwort macht.
Sonnenkollektoren und begrünte Dächer ergänzen das ökologische Konzept des Komplexes. Das Regenwasser wird in einer 35.000 l fassenden Zisterne gesammelt und zur Bewässerung der ausgedehnten Grünflächen und des Schulgartens genutzt. Aussaat, Pflege, Ernte und Verarbeitung von selbst angebautem Gemüse und Getreide sind Teil des Unterrichtskonzeptes.

Deutlichstes Zeichen für die erfolgreiche programmatische Einbindung der örtlichen Jugend ist schließlich zum einen fehlende Grafitti und ausbleibender Vandalismus. Zum anderen soll auf dem Gelände, vom Verein getragen und von Stadt und Land gefördert, der Entwurf des Architekturbüros für eine 2.500 qm große, öffentliche Kletterhalle umgesetzt werden.

Ulrich Grützner
August 2003

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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 031
Baujahr1997
EigentümerArge zur Förderung der Waldorfpädagogik Köln e.V.
BauherrArge zur Förderung der Waldorfpädagogik Köln e.V.
ArchitektPlus + Bauplanung GmbH
Auszeichnungen2000 - Kölner Architekturpreis, Auszeichnung
Fotos vonCornelia Suhan
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