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Balloni-Hallen

Balloni residiert auf der ehemaligen Betriebsstätte der "Kranfabrik Voss" in Ehrenfeld.
Foto: Carl Victor Dahmen


Industrie & Handel

Balloni-Hallen


Ehrenfeldgürtel 96
50823 Köln
Ehrenfeld

Den Bewohnern von Köln-Ehrenfeld ist die Firma "Balloni" zumeist als Einkaufsquelle für Dekorationsmaterialien, ungewöhnliche Geschenkartikel und Luftballons ein Begriff. Den weitaus größeren Teil des siebenstelligen Umsatzes erzielen die 42 Mitarbeiter jedoch mit der Planung und Durchführung von jährlich etwa 500 Hochzeiten, Jubiläen, Modenschauen und Produktpräsentationen.

Dabei hatte die Firma ursprünglich der Finanzierung des geisteswissenschaftlichen Studiums der beiden Gründer Sibylle Hartung und Wilhelm Blume gedient. 1977 begannen sie damit, auf lokalen Trödelmärkten mit Perlen und Konfetti befüllte Luftballons feilzubieten - und eröffneten schon bald darauf eigene Ausstellungs- und Verkaufsräume im dritten Hinterhof einer Ehrenfelder Seitenstraße. Dank der preisgünstigen Werbewirksamkeit ihrer zu Trauben und Girlanden arrangierten Ballons, wurden sie wenig später mit der Dekoration von Firmenfassaden und Opernvorführungen betraut.

Neben der Gestaltung etablierte sich Balloni in zunehmendem Maße auch um die Organisation von firmeninternen Veranstaltungen sowie Messeauftritten und entwickelte sich langsam zu einem der erfolgreichsten Unternehmen im Bereich des Eventmanagements. Oberstes Ziel ihrer ungewöhnlichen Events war es dabei stets, "Gewohnheiten zu irritieren und überkommene Rituale aufzubrechen".

Mit der starken Ausweitung ihres Dienstleistungsangebots erwiesen sich bald nicht nur die Räumlichkeiten der Firma als zu klein. Auch entstand bei den Machern zunehmend "kreative Unzufriedenheit", da sie an den unterschiedlichen Veranstaltungsorten immer wieder unerfreuliche Kompromisse eingehen mußten. In eigenen, größeren Räumen wollten sie ihre Dienstleistungen deshalb bündeln und als Komplettpaket aus einer Hand anbieten.

Die Betriebsstätte der "Kranfabrik Voss" schien dafür die idealen Voraussetzungen zu bieten. Direkt neben dem bis dato vernachlässigten Ehrenfelder Bahnhof gelegen, ist das Gebäudeensemble eines der frühindustriellen Wahrzeichen dieses ehemaligen Arbeiterviertels. Mit der Umwidmung der drei Produktionshallen nebst Verwaltungsgebäude in die "Balloni-Hallen" strebten die Bauherren eine Ausweitung der Einkaufsmeile Venloer Straße an; zugleich sollte das Unternehmen durch seine Verflechtung mit der existierenden Infrastruktur zu einem integralen Bestandteil des Quartiers werden und nebenbei für eine Aufwertung des Stadtteils sorgen.

Deshalb zielten die Bauherren und Architekten auch weniger auf eine optische Veredelung oder die Schaffung eines starken Kontrastes zwischen Alt und Neu ab. Vielmehr sollten neue Gebäudeelemente der ursprünglichen Rauheit der Industriearchitektur folgen und den nicht denkmalgeschützten Bestand mit einfachen und modernen Mitteln fortschreiben.

Wiederverwendete Bauteile, wie Stahlunterzüge, Ziegelsteine, Kranbahnen oder Lampen, erzeugen dabei den erwünschten "archaischen" Rahmen. Im Zusammenspiel mit den ebenfalls robusten, neuen Elementen aus Sichtbeton oder Glas, entstanden für wechselnde Dekorationen nutzbare, "omnipotente Hüllen" mit individueller und zeitgenössischer Gestalt.

Im ersten Bauabschnitt begann man mit der Umgestaltung der größten der drei Hallen sowie der Nebengebäude in ein weitläufiges Ladenlokal nebst Büros. Nach geschäftlich erfolgreichem Start wagte man sich zwei Jahre später auch an den Umbau der zwei übrigen Hallen in ein multifunktionales Ausstellungs- und Veranstaltungszentrum sowie den Neubau eines Eingangs- und Küchentraktes.
Die für das Ladenlokal vorgesehene Halle wurde vom größten Teil des Inventars und von maroder, unzweckmäßiger Gebäudestruktur befreit - so blieb letztlich nur die von zusätzlichen Lichtschlitzen perforierte Außenhülle erhalten. Auf der neu eingezogenen, U-förmigen Stahlempore befinden sich nun die durch Laufbalkone und interne Durchgänge verbundenen Büros. Die erhöhte Position und die raumhohen Glaswände ermöglichen Angestellten wie Firmenleitung ebenso einen ungestörten Blick in den Laden, wie auf die selbst entworfenen und gebauten, universell einsetzbaren Möbel-Module.

Mit dem Um- und Neubau der anderen Gebäude erfüllte sich auch endlich der Wunsch der Bauherren nach einem unabhängigen Veranstaltungsort. Um die industrielle Atmosphäre der Hallen zu bewahren und einen möglichst flexiblen, neutralen Raum anbieten zu können, wurde der Innenraum hier noch weitaus zurückhaltender gestaltet. So ist etwa die für Radio- und Fernsehübertragungen notwendige Medienverkabelung ebenso in den Boden integriert wie die zahlreichen Thekenanschlüsse; Beleuchtungskörper verlieren durch die Montage an beweglichen Kranbahnen ihre übliche optische Dominanz. Das Gebäudeäußere allerdings zeugt unübersehbar von der neuen inneren Funktion: krakengleich überziehen gigantische Lüftungskanäle das schallschutzoptimierte Dach.

Ein moderner, horizontal gegliederter Baukörper schließlich rundet das Gesamtensemble zur Straße hin ab. Hinter seinen verstellbaren Blechsegeln verbirgt sich ein kleiner Veranstaltungssaal für intimere Feierlichkeiten, in seinem Erdgeschoß befindet sich eine professionell ausgestattete Küche. Mit seiner leichten Konstruktion und der technoiden Gestaltung trägt der Neubau maßgeblich dazu bei, die klinkerdominierten Gebäude der Firma Voss in eindeutig zeitgenössische "Balloni-Hallen" zu verwandeln.

Ulrich Grützner
August 2003

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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 030
Baujahr1882
EigentümerSibylle Hartung + Wilhelm Blume
BauherrSibylle Hartung + Wilhelm Blume
2. Bauphase 
Baujahr1991 - 96
ArchitektArchitektenrüdiger, Braunschweig
Fotos vonCarl Victor Dahmen