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Seminargebäude Universität Köln

Das Seminargebäude von Paul Böhm besteht aus hellem, aufgerauten Beton, der in seiner Wirkung Naturstein sehr ähnlich ist. Beton und Glas, offene und geschlossene Flächen geben dem Gebäude eine kräftige, klare Struktur. Holz tritt an der Eingangstür als drittes Material hinzu und leitet in die Innenräume über. Die zwölf Millionen Euro Baukosten wurden größtenteils aus Studiengebühren finanziert.
Foto: Heiko Heinemann

Die Universität zu Köln betreibt seit einigen Jahren ein gigantisches Umbauprojekt. Über einen Zeitraum von zehn Jahren sind für Sanierungen und Neubauten 500 Millionen Euro eingeplant – die medizinischen Institute nicht mit berücksichtigt. Ein glücklicher Umstand ist die „Exemption“, die Köln errungen hat: die baulichen Vorgänge werden nicht mehr vom Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW gesteuert, sondern von der Universität selbst.


Forschung & Bildung

Seminargebäude Universität Köln


Universitätsstraße 37
50931 Köln
Lindenthal

Beton, ausgerechnet Beton! Das Hauptgebäude von Adolf Abel aus dem Jahre 1934 an der stadtzugewandten Seite des Kölner „Campus“ ist mit Tuff und Basalt verkleidet. Aber die gegenüber liegenden, seit den 60er Jahren errichteten Gebäude zeigen den Beton offen her – und machen damit größtenteils keine gute Figur. Das Philosophikum von 1974, Architekt „Staatshochbauamt“, steht ganz hoch oben auf der Liste der meistgehassten Gebäude in Köln. Dass der Stilbegriff Brutalismus „volksetymologisch“ von der grausamen Wirkung der Bauten hergeleitet wird, und nicht aus der wörtlichen Bedeutung „roh, unbearbeitet“, kann man hier sehr gut verstehen.

Wo also soll man eine Ehrenrettung für das Material wagen, wenn nicht genau hier? Paul Böhms Betonbau wirkt sachlich, behaglich, klassisch schön und erhaben schlicht. Die Wände, des nach einem Wettbewerbsgewinn von Paul Böhm errichteten Gebäudes, sind aus hellem, rauen Sichtbeton. Doch anders als bei seinem abgestumpften grauen Nachbarn wirkt dieser Baustoff hier so organisch und lebendig, als seien die Mauern aus Naturstein gefügt. Diese Wirkung kommt zustande, indem die Oberflächen mit Meißel aufgeraut werden.

Die schlichte Ästhetik kommt auch bei den Studierenden gut an: „Mir gefällt die klare und einfache Struktur, das beruhigt einen, und ich fühle mich wohl hier. Man spürt auch sehr, dass sich dieses Gebäude von allem anderen abhebt,“ sagt die 22 jährige Nora, BWL-Studentin. Es droht also keine Gefahr, dass jemand auf die Idee kommt, den Bau zu verputzen, wie bei Böhms gerade mal zwei Kilometer entfernt liegender DITIB-Moschee.

 Von der Bauform her ist Böhms Unigebäude ein Spiegelbild seines Gegenübers, dem Hörsaalgebäude von Rolf Gutbrod aus den 60ern. Hier wie dort rahmen zwei schräg gestellte Flügel einen mittigen, verglasten Eingangsbereich – der allerdings bei dem älteren Nachbarn nicht benutzt wird. Böhms Bau lässt mit einer zurück versetzten, plan verlaufenden Glasfront im Erdgeschoss unter den beiden Trakten überdachte Bereiche frei.

Auf die Durchgangssituation zwischen Philosophikum und Universitätsbibliothek reagiert das Gebäude mit stark akzentuierten Gebäudekanten, die aufgeständerten Trakte kragen seitlich aus. Gleichzeitig ist mit den zueinander schräg gestellten, oberen Bereichen beider Gebäude eine rautenförmige Platzeinfassung gegeben. So entsteht aus dem Durchgang ein neuer Platz, der in seiner Maßstäblichkeit erfahrbar macht, was ein Campus eigentlich sein sollte: ein Gebilde aus sich überkreuzenden Wegen und den Treffpunkten, die sich dabei ergeben. In der Platzmitte würde sich ein Kunstwerk gut machen, dessen Entwurf Paul Böhm als Geschenk in Aussicht gestellt hat, sollte sich eine Finanzierung finden.

Das rund zwölf Millionen Euro teure Gebäude wurde zum Großteil aus Studienbeiträgen finanziert. Es stehen 13 Seminarräume zwischen 80 und 200 Quadratmetern zur Verfügung mit insgesamt 900 Sitzplätzen. Nach außen ist die Raumordnung: in den geschlossenen Bereichen befinden sich die Seminar- und Arbeitsbereiche, in den offenen, verglasten Zonen die Warte- und Lesebereiche, Flure und Treppen, die Cafeteria und die Studierendenvertretung AStA im Erdgeschoß.
Einen Moment, um inne zu halten und sich des Ortes bewusst zu werden, erlebt der Besucher beim Betreten des Gebäudes: eine hohe, schwere Lärchenholztür will bewegt werden, wie bei einer Kirchenpforte muss man sich ihr entgegen stemmen. Im Inneren gibt es reichlich Tageslicht und Ausblicke, ganz im Kontrast zu den größtenteils fensterlosen Katakomben des Nachbargebäudes. 
Die hellen Betonflächen des Außenbaus setzen sich innen fort, passend zum öffentlichen Charakter des Gebäudes, und sind mit großzügigen Holzflächen kombiniert, die Behaglichkeit verleihen – Türen, Wandtäfelung, dunkelbraunes Parkett in den Seminarräumen, in die Betonwand eingelassene Sitzbänke und Stehtische. Die Lärchenholzwände in den Seminarräumen dienen allerdings auch als Resonanzkörper und sind mit einer genau berechneten Akustiklochung versehen.

Den Boden bildet in den Fluren geschliffener Estrich mit Terrazzo-Elementen. Edelstahlgeländer und die Metallprofile der Fenster ergänzen die knapp gehaltene Materialauswahl. Der Neubau hat in den Seminartrakten und dem Treppenhaus ein Flachdach mit extensiver Begrünung, die Flurbereiche sind mit Titanzinkblech eingedeckt.

Nicht nur in der Großform, sondern bis ins Detail hinein bestimmen scharfe Konturen den Charakter des Gebäudes. Die zu den Flanken hin größtenteils geschlossenen Außenwände sind an der Vorder- und Rückseite rasterförmig geöffnet, mit tief eingelegten Fensterflächen. Auch an rein funktionalen Details wie der außen liegenden Fluchttreppe zeigt sich der konsequente Gestaltungswille: die Trittflächen liegen auf einzeln aus der Wand auskragenden, weißen Betonbalken auf. Die Rückseite wird zur Schauseite, auch hier verläuft ein viel genutzter Weg.

Im Inneren des Gebäudes wird die Scharfkantigkeit – etwa an den mit Stahl beschlagenen Kanten der Treppenstufen – gemildert durch die „Weichheit“ des Betons. Zur reduzierten Formensprache trägt bei, dass der Treppenhandlauf in den Beton eingelassen ist. Sitzt man vor den rahmenlos auf Bodenhöhe ansetzenden und bis über die Deckenhöhe hinaus reichenden Fenster in den Aufenthaltsbereichen, kommt man sich fast vor, als sei man draußen. Fensterartige Öffnungen an den inneren Wandflächen in den Wegetrakten verlebendigen die Art und Weise, wie man sich im Gebäude bewegt. Und das Auge erlebt Überraschungen: an einer Seite schwebt die Treppe, die Stufen sind nicht ganz bis an das Außengehäuse heran geführt, und Licht fällt von oben durch die Fuge.
An höhere Sphären anzuknüpfen, nicht einfach nur Funktionen zu erfüllen, steht einem akademischen Lehrgebäude auch gut zu Gesicht. Bei der Gebäudeabnahme wurde kritisiert, dass die Gitter hinter den vor der Fensterfront angebrachten Sitzbänken zu niedrig seien; kurzerhand wurden sie im doppelten Sinne des Wortes mit Zitat-Tafeln „überhöht“.

Natürlich kommt der Universitätspatron Albertus Magnus zu Wort, der im 13. Jahrhundert lernende und lehrende Dominikanermönch: "Lasst uns, was wahr daran ist, als eine Bereicherung annehmen und dem zuordnen, was wir als Wissende und Glaubende schon an Wahrheit besitzen. Was aber falsch daran ist, das werden wir widerlegen. Findet die Wahrheit, denn die Wahrheit macht euch frei."

Der zweite am Geländer zitierte Gelehrte ist der chinesische Philosoph Laotse, das gesamte Zitat lautet folgendermaßen: „Die Nichtwissenheit wissen ist das Höchste. Nicht wissen, was Wissen ist, ist ein Leiden. Nur wenn man unter diesem Leiden leidet, wird man frei von Leiden. Dass der Berufene nicht leidet, kommt daher, dass er an diesem Leiden leidet, darum leidet er nicht.“

Ira Scheibe
Januar 2014

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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 110
Baujahr2009 - 2010
BauherrUniversität zu Köln
ArchitektPaul Böhm
Auszeichnungen*Einer von 20 deutschen Beiträgen zur Architekturbiennale in São Paulo 2011
*Wettbewerb 2008 (1.Preis)
Fotos vonHeiko Heinemann, Christopher Schröer-Heiermann, Tobias Wielicki,
 

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