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Ernst-Flatow-Haus

Wohnbebauung und Gemeindezentrum am Fröbelplatz: Vom Kirchenportal der Ehrenfelder Friedenskirche aus über die Vogelsanger Straße auf das neue Gemeindezentrum geschaut. Im 2011 fertiggestellten Ernst-Flatow-Haus befinden sich außer dem Gemeindesaal auch 25 Wohnungen, ganz unterschiedlicher Typologie. So liefert der Neubau, nicht nur architektonisch Impulse, sondern wirkt auch auf die Entwicklung des direkten städtischen Umfelds.
Foto: Jens Kirchner, Düsseldorf


Wohnen / Kirchliche Bauten

Ernst-Flatow-Haus


Vogelsanger Straße 153 / Fröbelstraße 2
50823 Köln
Ehrenfeld

Ernst Flatow war Pfarrer der Ehrenfelder Friedenskirche. Wegen seiner jüdischen Abstammung entzogen ihm die Nationalsozialisten zunächst sein Amt, deportierten ihn später ins Warschauer Ghetto, wo er 1942 beim Bau der Ghettomauern starb. Ihm widmete die Gemeinde der Friedenskirche das 2011 fertiggestellte Ernst-Flatow-Haus, in dem sich außer dem Gemeindesaal noch 25 Wohnungen befinden.

Das ungewöhnliche an diesem Bau ist nicht allein seine Gestaltung, sondern der Hintergrund der Baumaßnahme. Denn die Gemeinde hat im Bewusstsein ihrer sozialen Verantwortung nicht nur ein Gemeindezentrum gebaut, sondern darüber hinaus bezahlbaren Wohnraum geschaffen, der in Ehrenfeld dringend benötigt wird. Das Grundstück, auf dem, umgeben von dichtem Grün, das Pfarrhaus stand, wurde für den Wettbewerb geräumt. Es liegt an der Ecke der Vogelsanger Straße zum Fröbelplatz, der zwar durch seine Größe und seine Lage eine Bereicherung für den Stadtteil bietet, sein Potential wurde jedoch bislang bei weitem nicht ausgeschöpft. So dass die Gemeinde hoffte, mit dem Neubau auch Impulse für die Entwicklung des direkten städtische Umfelds geben zu können.

Den im August 2006 ausgeschriebenen Einladungswettbewerb gewann das Büro Lepel & Lepel mit einem Entwurf, der die gebauten Bezüge - zur Friedenskirche, zum Platz und auch innerhalb des Gebäudes – deutlich lesbar darstellt. Das sechsgeschossige Gebäude mit 5.500 qm BGF schließt die Kanten der inhomogenen Blockrandbebauung. Zur Friedenskirche hin öffnet es sich mit einem zweigeschossigen Einschnitt, in dem sich der Eingang zum Gemeindezentrum befindet und einem großzügigen Durchgang zu dem begrünten Innenhof. Das Gemeindezentrum, das aus einem flexibel nutzbaren Foyer mit Café, einem großen teilbaren Gemeindesaal sowie diversen Nebenräumen besteht, kann somit für verschiedenste Veranstaltungsformen und Gruppengrößen genutzt werden. Das großzügig verglaste Foyer öffnet sich mit einladender Geste zum Fröbelplatz. Hier wird noch einmal deutlich, dass die Gemeinde am städtischen Leben teilhaben möchte, sie schottet sich nicht ab, sondern lässt Einblicke und Ausblicke zu, und fördert die Kommunikation.

Der mit Platz- und Spielflächen von Lill + Sparla lebendig und vielfältig gestalte Innenhof dagegen ist nur halböffentlich – eine Art Schutzraum in dem doch recht lärmintensiven städtischen Umfeld. Er ist dem großen Gemeindesaal vorgelagert, kann aber auch von den Hausbewohnern genutzt werden.
 
Trotz des knappen Budgets ist es Lepel & Lepel gelungen, hier einen vielfältigen und attraktiven Mix verschiedener Wohnungstypen zu schaffen. Denn neben einer Pfarrer- und einer Küsterwohnung sollte hier eine möglichst vielfältige lebendige Hausgemeinschaft entstehen.
Maisonette-, Geschoss-, Triplex- und Penthousewohnungen mit einer Größe von zwei bis sechs Zimmern ermöglichen ein Zusammenleben ganz unterschiedlicher Bewohnergruppen. Da es ausdrücklicher Wunsch der Gemeinde war, dass neben Familien mit Kindern, Alleinstehenden und Paaren auch Behinderte und Senioren von dem Wohnungsangebot angesprochen werden, sind alle Wohnungen über Aufzüge barrierefrei zu erreichen.
Zur Vogelsanger Straße und zum Fröbelplatz zeigt sich das Ernst-Flatow-Haus mit einer unregelmäßigen grauen Lochfassade und weiß gefassten Fensteröffnungen nicht streng, aber deutlich geschlossen, zum Innenhof dagegen besitzt jede Wohnung einen Balkon, so dass hier ein auf Kommunikation angelegtes Bild entsteht.

Die Ausstattung der Mietwohnungen und Gemeinschaftsflächen ist einfach, worunter die Wohnqualität jedoch keineswegs zu leiden hat. Es gibt keine unnötigen Dekorationen oder teuren Materialien, dafür Sichtbeton in den Treppenhäusern, KFW 60 Standard (mit Solaranlage, Dachbegrünung, Wärmeschutzverglasung und kontrollierter Be- und Entlüftung zum Lärm- und Emissionsschutz) und ein durchgehendes Farbkonzept mit hellgelben und hellblauen Akzenten.

Dass eine Kirchengemeinde baut, dass sie das Risiko der Investition und die Mühe der Baumaßnahme auf sich nimmt und dabei nicht nur an ihre eigenen Bedürfnisse denkt, sondern ihre soziale Verantwortung praktisch darstellt, ist außergewöhnlich, mutig und beispielhaft. Ein starker Partner dabei ist eine Architektur, die diese Haltung gestalterisch zum Ausdruck bringt, ohne sich selbst in den Vordergrund zu spielen.

Uta Winterhager
Oktober 2013


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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 109
Baujahr2011
EigentümerEvangelische Kirchengemeinde Köln-Ehrenfeld
BauherrAntoniter Siedlungsgesellschaft mbH
ArchitektLepel & Lepel
Fotos vonJens Kirchner, Düsseldorf
Projektpate(n)Lepel & Lepel
 Stracke Ingenieurgesellschaft mbH