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Hochwasserpumpwerk Niehl I

Mitten im Niehler Industriegebiet liegt das von ASTOC geplante Pumpwerk. Die Architekten entwarfen eine 40 Meter lange begehbare Wand, die mit konkavem Schwung die Technik verbirgt und der Anlage zum Rhein hin ein Gesicht gibt. Über neun Meter hoch, mit quaderförmig geschnittenen Basaltsteinen wird die mehrfach gekrümmte Wand zur weithin sichtbaren Skulptur, die sich so völlig unerwartet in die Industriekulisse schiebt. Der schräge Platz vor der Mooswand soll Radfahrer und Spaziergänger zum Verweilen im Industriegebiet einladen.
Fotografie: Christa Lachenmaier, Köln


Technische Bauten

Hochwasserpumpwerk Niehl I


St. Leonardos Straße
50735 Köln
Niehl

Köln ohne den Rhein ist undenkbar, so sehr prägt der mächtige Fluss das Bild und das Leben der Stadt. Aber trotz aller Liebe zum Rhein ist Köln ist auch die am meisten durch Hochwasser gefährdete Großstadt Europas.

Nachdem der Rhein gleich zweimal innerhalb von 13 Monaten die Altstadt und die südlichen Stadtteile überflutet hatte, verabschiedete der Rat der Stadt 1996 das Hochwasserschutzkonzept, für dessen bauliche Umsetzung die Stadtentwässerungsbetriebe Köln AöR, kurz StEB verantwortlich waren. Innerhalb von fünf Jahren wurden 65 km Rheinfront durch Dämme, Wälle, Deiche oder - im innerstädtischen Bereich - durch mobile oder fest installierte Schutzwände gesichert, das Kanalnetz ausgebaut, sowie Retentionsräume für den Rhein außerhalb der Stadt geschaffen.

Direkt am Rheinufer mussten sieben neue Hochwasserpumpwerke gebaut werden. Die StEB haben rechtzeitig erkannt, dass der gestalterischer Anspruch ihrer technischen Bedeutung sowie der exponierten und individuellen Lage der Neubauten gerecht werden muss und lobten vier wettbewerbsähnliche Verfahren mit der Zielsetzung aus, dass zwischen Rodenkirchen und Langel eine „Perlenkette prägnanter Pumpwerke entlang des Kölner Rheinufers“ erstehen solle.

Niehl I

Genau im Scheitelpunkt des Rheinbogens liegt mitten im Industriegebiet das von ASTOC geplante Pumpwerk. Wie schroff die Kulisse aus Tanks, Schornsteinen und Hallen ist, in der sich der Neubau behaupten muss, sieht man am eindrucksvollsten vom gegenüberliegenden Rheinufer. Dort ist die Auenlandschaft scheinbar unberührt von der Niehler Industrie, die sich bis unmittelbar ans Ufer drängt.
Auch wenn in Niehl kaum noch Spaziergänger und nur wenige vereinzelte Fahrradfahrer vorbeikommen und keinem Anlieger etwas geschuldet wird, war die StEB so konsequent, die Perlenkette auch hier nicht abreißen zu lassen.

Zusätzlich zu der Gestaltung der Straßenansicht von Regenklärbecken und Technikgebäude sollte eine 1.500 qm große Logistikhalle zur Lagerung von Flutschutzelementen entworfen werden. Die Lage der Baukörper konnten die Architekten nicht beeinflussen, so dass man hier fast von einem Fassadenwettbewerb sprechen könnte, wenn die Gebäudehülle nicht so viel leisten müsste.

Kaschieren soll sie, was man nicht sehen will, und inszenieren, was man nicht sehen kann. Denn als Bestandteil des Wettbewerbes sollte mit der Architektur die Reinigung von Wasser und der verantwortungsvolle Umgang mit dem Wasser so verbildlicht werden, dass sie in das Bewusstsein der Öffentlichkeit vordringen. Dazu entwarfen die Architekten eine 40 Meter lange begehbare Wand, die mit konkavem Schwung die Technik verbirgt und der Anlage zum Rhein hin ein Gesicht gibt. Über neun Meter hoch, mit quaderförmig geschnittenen Basaltsteinen vor örtlich verbundenen Betonfertigteilen gemauert und mehrfach gekrümmt, wird die Wand zur weithin sichtbaren Skulptur, die sich so völlig unerwartet in die Industriekulisse schiebt.

Öko-Infotainment

Aber diese Wand ist nicht nur schön, sondern auch „Öko-Infotainment“. Mit Experten der Bryologie-Arbeitsgruppe der Uni Bonn entwickelten die Architekten ein System um die Wand zu bemoosen. Wenn sie in der wärmeren Jahreszeit mit gereinigtem Regenwasser aus der darunter liegenden Zisterne berieselt wird, wächst das auf Vliesband in die Fugen eingebrachte Moos, überzieht im besten Fall die Wand mit einem grünen Pelz und soll so den natürlichen Prozess der Regenwasserreinigung nachstellen. Im Winter jedoch kommt der Prozess zur Ruhe und das Vlies dominiert die Detailansicht. Nebenbei sind fließendes Wasser und Begrünung aber auch ein unauffälliger und wirksamer Graffitischutz.

Die weiteren von der Straße aus sichtbaren Gebäudeteile wurden mit einer „weißen Wolke“ aus grobmaschigem Streckmetall umhüllt. Je nach Standpunkt ist der Effekt durchaus gelungen, die Nahwirkung aber generell weniger überzeugend als die Fernwirkung, bei der beide Elemente einen spannender Kontrast bilden.

Durch ihren Rückschwung formt die Basaltmauer einen kleinen Platz aus, den man an dieser Stelle nicht erwarten würde. Doch ein eigens eingerichteter Fußgängerüberweg und zwei Sitzbänke laden ein zum Kommen und Bleiben und markieren das Hochwasserpumpwerk Niehl als neues Ausflugsziel am Kölner Rheinufer. Die Bereicherung, die der öffentliche Raum an dieser Stelle erfährt, wurde mit einer Anerkennung im Kölner Architekturpreis 2010 honoriert.
Köln ohne den Rhein ist undenkbar, so sehr prägt der mächtige Fluss das Bild und das Leben der Stadt. Aber trotz aller Liebe zum Rhein ist Köln ist auch die am meisten durch Hochwasser gefährdete Großstadt Europas.

Schon aus römischer Zeit wird von Überflutungen berichtet, doch in Zukunft werden die Hochwasser zunehmend bedrohlicher und häufiger auftreten. Dreimal hat es bereits ein „Jahrhunderthochwasser“ gegeben, als der Rhein die 10-Meter-Marke überstiegen hat: 1926, 1993 und 1995. Nachdem der Rhein gleich zweimal innerhalb von 13 Mona-ten die Altstadt und die südlichen Stadtteile überflutet hatte, verabschiedete der Rat der Stadt 1996 das Hochwasserschutzkonzept in dessen Umsetzung 43o Millionen Euro in-vestiert wurden. Dabei sind die Maßnahmen zur Hochwasserabwehr, zum baulichen Hochwasserschutz, zum besseren Hochwassermanagement und zur Eigenvorsorge sogar auf ein 200-jähriges Hochwasserereignis ausgerichtet: alle Stadtteile sollen bis zu einem Pegelstand von 11,30 m geschützt sein, Bereiche mit sensiblen Nutzungen wie Industrie- und Chemiebetrieben bis 11,90 m.

Verantwortlich für die bauliche Umsetzung des Konzeptes sind die Stadtentwässerungsbetriebe Köln AöR, kurz StEB. Innerhalb von fünf Jahren wurden 65 km Rhein-front durch Dämme, Wälle, Deiche oder im innerstädtischen Bereich durch mobile oder fest installierte Schutzwände gesichert, das Kanalnetz ausgebaut, Pumpwerke ertüchtigt und neu gebaut und Retentionsräume für den Rhein außerhalb der Stadt geschaffen.

Akzeptanz durch Baukultur

Mit diesem Maßnahmenpaket ist es den StEB gelungen einen ausreichenden Hochwasserschutz zu gewährleisten, ohne die Stadt hinter Mauern zu verstecken und ohne das gesamte Rheinufer mit technischen Bauwerken zu besetzen. Denn trotz der potentiellen Gefahr, die der Fluss birgt, soll er auch in Zukunft noch positiv erlebbar bleiben.
Für den Hochwasserschutz der Stadt spielen vor allem die Pumpwerke eine große Rolle. Sie stellen sicher, dass die geklärten Abwasser und das Regenwasser auch bei extrem hohen Pegelständen ohne Rückstau in den Rhein geleitet werden können. Generell be-stehen die Pumpwerke, aus einem Tiefbauteil, das die Pumpen einhaust, und einem Hochbauteil für die elektrotechnische Versorgung. Wie bei einem Eisberg bleibt jedoch der größte Teil des gesamten Volumens im Verborgenen. Beide Bauteile müssen baulich gegen jegliche zu erwartenden Hochwasser geschützt sein.

Die Bauabteilung der StEB, die sich selbst als die Experten für den Tiefbau betrachtet, hat die Hochbauprojekte extern an Architekten vergeben, da mehr als nur eine simple Gebäudehülle zu entwerfen war, und der jeweilige Bau gestalterisch in sein Umfeld eingebunden werden sollte. Die ersten drei der sieben neuen Hochwasserpumpwerke wurden 2003 direkt an Kölner Architekten vergeben. Das Pumpwerk Am Faulbach bauten Schösser Architekten in Zusammenarbeit mit Kazuhisa Kawamura, das Pumpwerk Werthweg wurde an das Büro Lepel & Lepel vergeben, und das Pumpwerk Bremer-havenerstraße, an das Büro Felder.

Obwohl die Bausumme der einzelnen Pumpwerke unter dem Schwellenwert für öffent-liche Bauten lag, der eine Wettbewerbsausschreibung erzwungen hätte, lobte die StEB von 2004 – 2005 wettbewerbsähnliche Verfahren für die vier weiteren Standorte aus. Zur Teilnahme wurden jeweils fünf oder sechs Architektur- bzw. Landschaftsarchitek-turbüros aus Köln oder dem Kölner Umland eingeladen, einen Entwurf zu erarbeiteten. Weil es deutschlandweit in dieser Größenordnung keine Referenzprojekte gab, musste die StEB ihre eigene Zielsetzung formulieren: Es sollte eine „Perlenkette prägnanter Pumpwerke entlang des Kölner Rheinufers“ entstehen, deren gestalterischer Anspruch ihrer technischen Bedeutung und der exponierten Lage gerecht werden sollte.

Die meisten Pumpwerke liegen darüberhinaus in sehr sensiblen Umfeldern, in denen mit Bürgerprotesten oder Auflagen des Landschaftsschutzes zu rechnen war. So sah die StEB in der Mehrfachbeauftragung ein transparentes und öffentlichkeitswirksames Verfahren, das zu einer maßgeschneiderten und wirtschaftlichen Lösung führen würde. Ganz be-wusst wurde die Baukultur hier eingesetzt, um die Bevölkerung über die Akzeptanz des Pumpwerkes für den Hochwasserschutz zu sensibilisieren. Immer wieder tauchen in diesem Zusammenhang auch die Begriffe Markenbildung und Imagepflege auf, doch wäre eine vorsätzliche Landmarkenarchitektur mit den StEB als Bauherr eine gefährliche Gratwanderung.

Als Anstalt des öffentlichen Rechts müssen sie auf die Angemessenheit der Mittel achten, denn die wenigsten Bürger wollen mehr für ihr Abwasser be-zahlen, auch wenn sie dafür ein baukulturell geschätztes Hochwasserpumpwerk be
kommen. So findet sich auch auf keinem der Pumpwerke ein plakatives StEB-Logo, obwohl die Mehrkosten, die durch den ambitionierten Hochbau entstehen, im Verhältnis zu den Gesamtkosten des Gebäudes mit allen technischen Einrichtungen, relativ gering sind.
Dass aus einem hochfunktionalen Technikgebäude ein preisgekröntes Stück Baukultur wird, ist eine seltene Ausnahme. Am Kölner Rheinufer konnte so jedoch die sensible Schnittstelle von Kultur und Natur auf eine sehr zeitgemäße Weise inszeniert werden.


Uta Winterhager
Februar 2012

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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 105
Baujahr2007-2009
EigentümerStadtentwässerungsbetriebe Köln, AöR
BauherrStadtentwässerungsbetriebe Köln, AöR
ArchitektASTOC, Architects and Planners, Köln
Auszeichnungen*Anerkennung Kölner Architekturpreis 2010
Fotos vonChrista Lachenmaier; ASTOC