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Hochwasserpumpwerk Niehl II

Das Hochwasserpumpwerk in Niehl des Kölner Büros Felder war das erster seiner Art. Den Typus „baukulturell bedeutendes Hochwasserpumpwerk“ gab es bis dahin weder in Köln noch anderswo. Auch deshalb ist der Besuchertreppen-Ausguck (rechts im Bild), durchaus als didaktische Spielerart zu verstehen.
Foto: Peter Jost



Technische Bauten

Hochwasserpumpwerk Niehl II


Bremerhavener Straße
50735 Köln
Niehl

Köln ohne den Rhein ist undenkbar, so sehr prägt der mächtige Fluss das Bild und das Leben der Stadt. Aber trotz aller Liebe zum Rhein ist Köln ist auch die am meisten durch Hochwasser gefährdete Großstadt Europas.

Nachdem der Rhein gleich zweimal innerhalb von 13 Monaten die Altstadt und die südlichen Stadtteile überflutet hatte, verabschiedete der Rat der Stadt 1996 das Hochwasserschutzkonzept, für dessen bauliche Umsetzung die Stadtentwässerungsbetriebe Köln AöR, kurz StEB verantwortlich waren. Innerhalb von fünf Jahren wurden 65 km Rheinfront durch Dämme, Wälle, Deiche oder - im innerstädtischen Bereich - durch mobile oder fest installierte Schutzwände gesichert, das Kanalnetz ausgebaut, sowie Retentionsräume für den Rhein außerhalb der Stadt geschaffen.

Direkt am Rheinufer mussten sieben neue Hochwasserpumpwerke gebaut werden. Die StEB haben rechtzeitig erkannt, dass der gestalterischer Anspruch ihrer technischen Bedeutung sowie der exponierten und individuellen Lage der Neubauten gerecht werden muss und lobten vier wettbewerbsähnliche Verfahren mit der Zielsetzung aus, dass zwischen Rodenkirchen und Langel eine „Perlenkette prägnanter Pumpwerke entlang des Kölner Rheinufers“ erstehen solle.

Niehl II

Das Hochwasserpumpwerk in Köln Niehl an der Bremerhavener Straße war das erste Pumpwerk, das im Rahmen des Hochwasserschutzkonzeptes im März 2003 direkt beauftragt wurde. Das Kölner Büro Felder war den StEB schon aus einer Zusammenarbeit bei Um- und Neubauten am Großklärwerk Köln Stammheim bekannt. Die Bremerhavener Straße im Kölner Norden trennt Industrie- und Wohngebiete voneinander. Genau an dieser Schnittstelle liegt direkt am Rheinufer das Hochwasserpumpwerk Niehl.

So ambivalent wie das Umfeld, war auch die Bauaufgabe einem zweigeschossigen Trafohaus, einem Schieberbauwerk, das nur als Sockel aus dem Boden ragt und dem oberirische Abschluss der Pumpenanlage einen gestalterischen Mehrwert zu verleihen. Die technischen Anforderungen waren enorm, und den Typus „baukulturell bedeutendes Hochwasserpumpwerk“ gab es bis dahin weder in Köln noch anderswo. Technik, Ästhetik und Didaktik und nicht zuletzt Vandalismusschutz, lieferten Entwurfskomponenten, die das im Dezember 2009 fertig gestellte Ensemble etwas unentschieden zwischen den verschiedenen Bedeutungsebenen pendeln lassen.

Das dunkel verkleidete Trafohaus signalisiert in seiner geschlossenen Massivität eindeutig, dass die darin befindlichen technischen Anlagen nicht öffentlich zugängig sind. Der rheinseitig davor liegende Pavillon stiftet semantische Verwirrung - erinnert der Bau doch stark an Mies van der Rohes Farnsworth Haus. Doch hinter der transluzenten Verglasung verbergen sich weder Wohnhaus noch Café, sondern der Zugang und die Steuerung eines unterirdischen Pumpwerkes, das im Hochwasserfall bis zu 5000 Liter Wasser pro Sekunde fördert.

Ausguck für Neugirige

Der sich kelchartig nach oben öffnende massige Betonsockel vermittelt indessen glaubhaft, dass er den Pumpenabschluss dieser Anlage einhaust. Edel wirkt der Bau in seiner Gradlinigkeit, sehr filigran die stützenlose Milchglasfassade und sogar der gespitzte Beton von Bodenplatte und Attika signalisieren, dass diese Gebäudehülle etwas Besonderes verbirgt. Was genau das geheimnisvolle Innenleben ist, kann man nur ahnen. Sichtbar ist ein kleiner Teil der technischen Anlagen von einem Treppen-Ausguck, der mit dem gebotenen Sicherheitsabstand dort vor der Fassade steht, wo das Milchglas durch Klargas ersetzt ist.

Bei der Planung dieses Hochwasserpumpwerkes wurde, vielleicht dem angrenzenden Wohngebiet geschuldet, auf klassische Weise zwischen Gebäude und Außenanlage unterschieden, so dass der gewünschte spannende Dialog zwischen Skulptur und Natur nicht so recht in Gang kommen will.

Köln ohne den Rhein ist undenkbar, so sehr prägt der mächtige Fluss das Bild und das Leben der Stadt. Aber trotz aller Liebe zum Rhein ist Köln ist auch die am meisten durch Hochwasser gefährdete Großstadt Europas.

Schon aus römischer Zeit wird von Überflutungen berichtet, doch in Zukunft werden die Hochwasser zunehmend bedrohlicher und häufiger auftreten. Dreimal hat es bereits ein „Jahrhunderthochwasser“ gegeben, als der Rhein die 10-Meter-Marke überstiegen hat: 1926, 1993 und 1995. Nachdem der Rhein gleich zweimal innerhalb von 13 Mona-ten die Altstadt und die südlichen Stadtteile überflutet hatte, verabschiedete der Rat der Stadt 1996 das Hochwasserschutzkonzept in dessen Umsetzung 43o Millionen Euro in-vestiert wurden. Dabei sind die Maßnahmen zur Hochwasserabwehr, zum baulichen Hochwasserschutz, zum besseren Hochwassermanagement und zur Eigenvorsorge sogar auf ein 200-jähriges Hochwasserereignis ausgerichtet: alle Stadtteile sollen bis zu einem Pegelstand von 11,30 m geschützt sein, Bereiche mit sensiblen Nutzungen wie Industrie- und Chemiebetrieben bis 11,90 m.

Verantwortlich für die bauliche Umsetzung des Konzeptes sind die Stadtentwässerungsbetriebe Köln AöR, kurz StEB. Innerhalb von fünf Jahren wurden 65 km Rhein-front durch Dämme, Wälle, Deiche oder im innerstädtischen Bereich durch mobile oder fest installierte Schutzwände gesichert, das Kanalnetz ausgebaut, Pumpwerke ertüchtigt und neu gebaut und Retentionsräume für den Rhein außerhalb der Stadt geschaffen.

Akzeptanz durch Baukultur

Mit diesem Maßnahmenpaket ist es den StEB gelungen einen ausreichenden Hochwasserschutz zu gewährleisten, ohne die Stadt hinter Mauern zu verstecken und ohne das gesamte Rheinufer mit technischen Bauwerken zu besetzen. Denn trotz der potentiellen Gefahr, die der Fluss birgt, soll er auch in Zukunft noch positiv erlebbar bleiben.
Für den Hochwasserschutz der Stadt spielen vor allem die Pumpwerke eine große Rolle. Sie stellen sicher, dass die geklärten Abwasser und das Regenwasser auch bei extrem hohen Pegelständen ohne Rückstau in den Rhein geleitet werden können. Generell be-stehen die Pumpwerke, aus einem Tiefbauteil, das die Pumpen einhaust, und einem Hochbauteil für die elektrotechnische Versorgung. Wie bei einem Eisberg bleibt jedoch der größte Teil des gesamten Volumens im Verborgenen. Beide Bauteile müssen baulich gegen jegliche zu erwartenden Hochwasser geschützt sein.

Die Bauabteilung der StEB, die sich selbst als die Experten für den Tiefbau betrachtet, hat die Hochbauprojekte extern an Architekten vergeben, da mehr als nur eine simple Gebäudehülle zu entwerfen war, und der jeweilige Bau gestalterisch in sein Umfeld eingebunden werden sollte. Die ersten drei der sieben neuen Hochwasserpumpwerke wurden 2003 direkt an Kölner Architekten vergeben. Das Pumpwerk Am Faulbach bauten Schösser Architekten in Zusammenarbeit mit Kazuhisa Kawamura, das Pumpwerk Werthweg wurde an das Büro Lepel & Lepel vergeben, und das Pumpwerk Bremer-havenerstraße, an das Büro Felder.

Obwohl die Bausumme der einzelnen Pumpwerke unter dem Schwellenwert für öffent-liche Bauten lag, der eine Wettbewerbsausschreibung erzwungen hätte, lobte die StEB von 2004 – 2005 wettbewerbsähnliche Verfahren für die vier weiteren Standorte aus. Zur Teilnahme wurden jeweils fünf oder sechs Architektur- bzw. Landschaftsarchitek-turbüros aus Köln oder dem Kölner Umland eingeladen, einen Entwurf zu erarbeiteten. Weil es deutschlandweit in dieser Größenordnung keine Referenzprojekte gab, musste die StEB ihre eigene Zielsetzung formulieren: Es sollte eine „Perlenkette prägnanter Pumpwerke entlang des Kölner Rheinufers“ entstehen, deren gestalterischer Anspruch ihrer technischen Bedeutung und der exponierten Lage gerecht werden sollte.

Die meisten Pumpwerke liegen darüberhinaus in sehr sensiblen Umfeldern, in denen mit Bürgerprotesten oder Auflagen des Landschaftsschutzes zu rechnen war. So sah die StEB in der Mehrfachbeauftragung ein transparentes und öffentlichkeitswirksames Verfahren, das zu einer maßgeschneiderten und wirtschaftlichen Lösung führen würde. Ganz be-wusst wurde die Baukultur hier eingesetzt, um die Bevölkerung über die Akzeptanz des Pumpwerkes für den Hochwasserschutz zu sensibilisieren. Immer wieder tauchen in diesem Zusammenhang auch die Begriffe Markenbildung und Imagepflege auf, doch wäre eine vorsätzliche Landmarkenarchitektur mit den StEB als Bauherr eine gefährliche Gratwanderung.

Als Anstalt des öffentlichen Rechts müssen sie auf die Angemessenheit der Mittel achten, denn die wenigsten Bürger wollen mehr für ihr Abwasser be-zahlen, auch wenn sie dafür ein baukulturell geschätztes Hochwasserpumpwerk be
kommen. So findet sich auch auf keinem der Pumpwerke ein plakatives StEB-Logo, obwohl die Mehrkosten, die durch den ambitionierten Hochbau entstehen, im Verhältnis zu den Gesamtkosten des Gebäudes mit allen technischen Einrichtungen, relativ gering sind.
Dass aus einem hochfunktionalen Technikgebäude ein preisgekröntes Stück Baukultur wird, ist eine seltene Ausnahme. Am Kölner Rheinufer konnte so jedoch die sensible Schnittstelle von Kultur und Natur auf eine sehr zeitgemäße Weise inszeniert werden.


Uta Winterhager
Februar 2012

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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 104
Baujahr2007-2009
EigentümerStadtentwässerungsbetriebe Köln, AöR
BauherrStadtentwässerungsbetriebe Köln, AöR
ArchitektFelder Architekten, Köln
Fotos vonPeter Jost