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Das Amerika Haus

Der neue Sitz der Fritz Thyssen Stiftung präsentiert sich zum Apostelnkloster als offenes Haus. Wo früher ein Rolltor war, öffnet sich jetzt den Passanten tagsüber eine Glasschiebetür zum Garten des Stiftungssitzes.
Foto: Tomas Riehle




Kunst & Kultur

Das Amerika Haus


Apostelnkloster 13 - 15
50672 Köln
Innenstadt

Die Architektur der 50er Jahre ist nicht jedermanns Ding - das Kölner Amerika Haus war da gewiss keine Ausnahme. Als es als neuer Sitz der Fritz Thyssen Stiftung ins Gespräch kam, war es also zunächst nicht die Architektur, die überzeugte, sondern die außergewöhnliche Lage am Apostelnkloster. An diesem zentralen Platz hoffte die Stiftung, die ihren Sitz schon immer in Köln hatte, in der Stadt sichtbarer zu werden. Ein Abriss des denkmalgeschützten Ensembles war ausgeschlossen, aber bei genauerer Betrachtung fand die Stiftung schließlich Gefallen an der „funktionalen Eloquenz“* der Architektursprache, die das Gebäude unverwechselbar macht und es den Nutzern ermöglicht, in der Stadt Präsenz zu zeigen ohne laut aufzutrumpfen.

Die Fritz Thyssen Stiftung erwarb von der Stadt Köln ein Gebäude mit erheblichem Sanierungstau. Zudem hatten die Amerikaner das ursprünglich lichte und freundliche Gebäude, in der Zeit des Kalten Krieges aus Angst vor Attentaten, zunehmend in eine dunkle Festung verwandelt. Doch trotz des verbauten und vernachlässigten Zustandes war die schlichte Eleganz und Leichtigkeit der 50er Jahre mit ihren bodenständigen Versuchen, sich mit filigranen Bauteilen und fließenden Räumen vom Ballast der steinernen Stadt zu befreien, noch zu ahnen.


Die Aufgabe, der ehemals 27 im Nachkriegsdeutschland errichteten Amerika Häuser war keineswegs leicht, dienten sie doch zur kulturellen und politischen Umerziehung der Deutschen durch die Besatzungsmacht. Auch über die Architektur sollte diese Umerziehung erfolgen: die von Skidmore Owings & Merril entworfenen Amerika Haus -Prototypen, Stahl-Glas-Bauten aus zwei mit einer Brücke verbundenen Kuben, setzten eindeutige Zeichen für den Beginn einer neuen Zeit. Das Kölner Amerika Haus ist eine bescheidene Variante des Prototyps, die der Deutsche Architekt Rudolf Schickmann entwickelt hat. Dabei behielt er die klassische Dreiteilung des Gebäudes, das Bild der Brücke und die großflächig verglasten Fassaden bei, passte den Grundriss jedoch an die Tiefe des Grundstücks am Apostelnkloster an.
Als das Kölner Amerika Haus als das letzte seiner Art 2007 geschlossen wurde, endete damit nach über 50 Jahren ein Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte.




Die Fritz Thyssen Stiftung, deren ausschließlicher Zweck die unmittelbare Förderung der Wissenschaft an Hochschulen und gemeinnützigen Forschungseinrichtungen ist, lud 2007 vier Büros zu einem Gutachterverfahren für die Sanierung und die Erweiterung des Amerika Haus es zum Stiftungssitz ein. Sie beauftragte daraufhin das Stuttgarter Büro cheret bozic architekten, deren Umnutzungskonzept an die kompositorischen Qualitäten des Bestandes an knüpft und die drei Baukörper nur rückwärtig und unter der Erde ergänzt, so dass die gestalterische Einheit von Haus und Garten unberührt bleibt.

Aus Sicherheitsgründen war der breite Durchgang vom Platz vor der Apostelnkirche in den Garten des Amerika Hauses lange Zeit mit einem Rolltor verschlossen. Doch die Stiftung wollte das ursprüngliche Bild des „offenen Hauses“ wieder hergestellt sehen. Eine gläserne Schiebetür öffnet den von Lill und Sparla Landschaftsarchitekten in Anlehnung an das historische Vorbild gestalteten Garten und das Foyer nun auf kontrollierte Weise zur Stadt.

Das städtische Gesicht des Ensembles, eine elegante Travertin- und Muschelkalkfassade, erscheint heute wieder im Originalzustand. Kaum ist zu ahnen, dass die gesamte Fassadenverkleidung erneuert werden musste, da aus konstruktiven Gründen keine Platte und kein Nagel der Tragkonstruktion erhalten werden konnte.

Die Gartenansicht des Ensembles gewinnt durch das lockere Spiel mit geputzten, natursteinverkleideten und verglasten Wandflächen an Spannung, die alle, den Auflagen des Denkmalschutzes entsprechend, wieder hergestellt wurden. Kurios erscheint der Putz mit Kellenhieben und die blauen Wellblechpaneele, die trotz ihrer schäbigen Erscheinung von der Denkmalpflege als charakteristisch und elementar und damit unverzichtbar vorgeschrieben wurden. Als großes Zugeständnis ist das hofseitige neue Fenster des ehemaligen Kinosaals zu werten, das es ermöglicht, den Raum als multifunktionales Auditorium zu nutzen.

Der bescheidene zentrale Eingang befindet sich im Foyer gegenüber der barock anmutenden Fluchttreppe des ehemaligen Kinosaals. Doch große Gesten, wie die Inszenierung dieser beiden Treppenläufe, sind nicht das Thema dieser Architektur – nicht 1955 und nicht heute. Deshalb sehen die Türen noch aus wie damals – erst auf den zweiten Blick zeigt sich, dass das, was sich da auf Knopfdruck öffnet, kaum älter als ein paar Monate sein kann. Alt oder neu, fragt man sich an vielen Stellen im Gebäude. Und fast immer ist die Antwort neu, denn der hochtechnisierte Hauptsitz der Fritz Thyssen Stiftung ist das Ergebnis einer Sanierungsmaßnahme, die gestalterisch kompromisslos und mit großem Sachverstand durchgeführt wurde. So fügen sich auch die Anbauten nahtlos in den Grundriss ein. Deutlich zeigt das die Blickachse von dem wieder geöffneten Schaufenster auf der Straßenseite durch die gesamte Länge des Gebäudes bis zur Grundstücksgrenze. Auch wenn es diese Achse immer schon gegeben hat, war sie in den letzten Jahren verbaut und verstellt. Erst durch die Sanierung wurden diese bauzeitlichen Schichtungen aufgegriffen und sogar noch weiter entwickelt. So befindet sich nun das Herzstück der Stiftung, der Konferenzraum, ohne Bedrängnis in ihrem Zentrum.
Der eingeschossige mittlere Baukörper, ehemals die Bibliothek des Amerika Haus es, dient der Stiftung als Koppelglied zwischen dem vorgelagerten halböffentlichen Bereich des Auditoriums und dem dritten Bauteil mit der Stiftungsbibliothek, den Büros der Vorstände und der Verwaltung im Anbau. Den Weg durch diesen mittleren Baukörper inszenierten die Architekten als Sichtachse, vom Schaufenster an der Apostelnstraße bis zu einem kleinen Konferenzhof in deren Mitte sich der Konferenzraum befindet. Während der Planungsphase wurde er das „Gartenzimmer“ genannte, weil er die Stelle eines internen Hofes eingenommen hat. Auch hier wurde der Bestand so geschickt erweitert, dass die Veränderungen nur in der Dachaufsicht und an der Raumqualität zu erkennen ist.

Der Konferenzsaal, in dem ein monumentaler Tisch (Entwurf: Hadi Teherani) 34 Personen Platz bietet, spielt auf subtile Weise mit der Schwellensituation zwischen Innen und Außen: an den Stirnseiten ist der Konferenzraum vollflächig verglast. Der Bodenbelag aus Muschelkalk geht direkt in die Wandbekleidung über, setzt sich sowohl im Flur als auch im Konferenzhof fort und überspielt die hier verhältnismäßig geringe Raumhöhe von nur 3 m.
Am Kopfendende dieser mit Glastrennwänden vorsichtig gegliederten Raumfolge des mittleren Baukörpers leuchtet eine alarmierend grüne Wand. Kein Farbfehler, sondern Teil der Stiftungs-CI und somit eindeutig „neu“, verweist die Farbe auf die dahinter angebauten Büroräume. Doch dieses Farbspiel bleibt eine Ausnahme, denn vor und nach der Sanierung prägen nur wenige Materialien das ruhige Bild der Architektur. Insbesondere sind dies Naturstein und Eiche, die an Wänden und Böden ganz unterschiedlich eingesetzt wurden.

Die vorgefunden Natursteine, Muschelkalk, Travertin und Juramarmor wurden auch für die Sanierung verwendet. Um dem Original möglichst nahe zu kommen, machten die Architekten sogar die bauzeitlichen Abbaugebiete ausfindig.
Geradezu verspielt wirkt dagegen die Gestaltung des Amélie Thyssen Auditoriums. Der ehemals dunkle Kinosaal erhielt eine lebendige, aber nicht aufdringliche Wandgestaltung aus vier verschiedenen Rottönen, die hinter vertikalen Holzleisten durchblitzen – eine moderne Interpretation der klassischen Wandvertäfelung.

Heute wie damals

An jeder Stelle des Hauses hat Jelena Bozic dafür gekämpft, dass nirgendwo auch nur ein Hinweis auf die technische Ausstattung zu erahnen ist, wenn diese nicht gebraucht wird. Teeküchen erscheinen nach wenigen Handgriffen hinter Holzpaneelen, Monitore und Vorhänge fahren aus unsichtbaren Wandschlitzen und Kabel oder Schalter scheint es einfach nicht zu geben. Dies jedoch nicht nostalgisch motiviert, sondern ihrem eigenen gestalterischen Anspruch geschuldet.

Zum Abschluss der Sanierung im März 2010 wurden die großen Lettern „amerika haus“ durch den wesentlich bescheideneren Schriftzug „Fritz Thyssen Stiftung“ ersetzt. Den Geist des Hauses wiederbeleben ohne anbiedernd zu sein, wollten die Architekten. Das ist ihnen durchaus gelungen, auch wenn das charakteristisch Fragile und Unterdimensionierte und alles allzu Bescheidene dem Anspruch der Bauherren und den heutigen technischen Standards geschuldet, überholt wurde. Trotzdem ist die dieser Epoche innewohnende Leichtigkeit noch deutlich zu spüren, denn selten gewährt ein Gebäude nicht nur den Nutzern, sondern auch den Passanten solch vielversprechende Einsichten und Durchblicke.


Uta Winterhager
Dezember 2011


*Funktionale Eloquenz, Das Kölner Amerika Haus und die Kulturinstitute der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Sonja Schöttler, Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 2011

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Objekt-Daten

Objektnrprojekt # 103
Baujahr1955
ArchitektRudolf Schickmann
2. Bauphase 
Baujahr2009-2011
BauherrFritz Thyssen Stiftung
Architektcheret bozic architekten, Stuttgart
Fotos vonTomas Riehle
Projektpate(n)Fritz Thyssen Stiftung